Filmgeschichte

Filmgeschichte: So hat die DDR ihre Kinofilme umworben

Erfurt - Noch steckt ein Teil der DDR-Kinogeschichte in alten Kartons, in denen Bananen in den Osten des geteilten Deutschlands geschafft wurden. Übereinander gestapelt stehen sie in einem Raum der Universität Erfurt. Der wertvolle Inhalt ist in Kuverts gepackt: Filmplakate, Werbeschriften und Fotos, die in den Aushängen der Kinos zu sehen waren. Kommunikationswissenschaftler Patrick Rössler spricht von einem „unglaublichen Schatz“, der die Gesamtheit der Filmwelt in der DDR abbilde. Erste Einblicke gewährte er am Freitag. Anhand der Filmwerbung will Rössler auch der Frage nachspüren, wie viele Spielfilme aus dem Westen in den Kinos der DDR zu sehen ...

Ein Schild mit der Aufschrift «DEFA Studio für Spielfilme» dpa-Zentralbild

Noch steckt ein Teil der DDR-Kinogeschichte in alten Kartons, in denen Bananen in den Osten des geteilten Deutschlands geschafft wurden. Übereinander gestapelt stehen sie in einem Raum der Universität Erfurt. Der wertvolle Inhalt ist in Kuverts gepackt: Filmplakate, Werbeschriften und Fotos, die in den Aushängen der Kinos zu sehen waren. Kommunikationswissenschaftler Patrick Rössler spricht von einem „unglaublichen Schatz“, der die Gesamtheit der Filmwelt in der DDR abbilde. Erste Einblicke gewährte er am Freitag. Anhand der Filmwerbung will Rössler auch der Frage nachspüren, wie viele Spielfilme aus dem Westen in den Kinos der DDR zu sehen waren.

Auf die Experten der Hochschule wartet jede Menge Kleinarbeit. Schätzungsweise 100 000 einzelne Objekte umfasst das seltene Archiv, das die Hochschule nun übernommen hat. Rössler rechnet damit, dass erst im Jahr 2020 das letzte Dokument gesichtet ist. Studenten und Mitarbeiter der Uni-Bibliothek arbeiten „den mehr als 200 Umzugskartons füllenden Papierberg auf“. „Jede einzelne Kiste hält eine Überraschung parat“, berichtet Susanne Werner, Referentin der Bibliothek. „Da fühle ich mich an meine Jugend zurückerinnert.“

Der Bestand sei „wahrscheinlich in großer Vollständigkeit“, schätzt Rössler. Er stamme aus einer ehemaligen Niederlassung des Progress-Verleihs und sollte eigentlich vernichtet werden. Nur durch ein Wunder sei das Archiv nach der Abwicklung des DDR-Filmverleihers nicht in die Pressen eines Altpapierhofs in Leipzig gelangt. Ein Mann aus Bayern stieß durch Zufall auf den Papierberg, so Rössler. „Noch am selben Tag, als er davon erfuhr, organisierte er einen Lastwagen und holte das Archiv in dem Altpapierhof ab.“

Einblick in die Filmwerbung von 1955 bis 1990

Die bunten Plakate und Fotos mit Szenen der jeweiligen Filme geben einen Einblick in die Filmwerbung von 1955 bis 1990. Mehr als 4000 Spielfilme waren nach Schätzungen des Wissenschaftlers in dieser Zeit zu sehen. Die Deutsche Film AG (DEFA) habe etwa 700 Filme verschiedener Genres produziert. Die fünffache Anzahl der gezeigten Filme sei nicht aus der DDR gekommen, sondern aus der Sowjetunion, der Bundesrepublik und sogar aus Hollywood, erinnert Rössler. Er hofft, dass er anhand der Plakate eine genaue Zahl ermitteln kann.

Der Wissenschaftler holt ein Plakat von der amerikanischen Produktion „Dornröschen und der Prinz“ hervor. „Damals wurden eigens hochkarätige Künstler beauftragt, den Film auf einem Plakat zu interpretieren.“ Natürlich seien nur Filme aus den USA und dem Westen Deutschlands gezeigt worden, die den Vorgaben der SED entsprachen.

Der Leiter der Uni-Bibliothek, Eckart Gerstner, sieht in den Kartons voller Filmwerbung eine Herausforderung für sein Haus. „Normalerweise haben wir es mit Büchern, Zeitungen und Zeitschriften zu tun.“ In den Kuverts stecken aber auch Dias zu einzelnen Filmen. Laut Rössler soll bald ein Teil des Bestands in Ausstellungen zu sehen sein. (dpa)