Erlöser auf Augenhöhe

Erlöser auf Augenhöhe : Francesco Albani-Zyklus in Naumburg

Naumburg - Vor und nach der Restaurierung: Ein Gemäldezyklus zu Christus und den zwölf Aposteln des italienischen Barockmeisters Francesco Albani ist in Naumburg zu sehen.

Von Kai Agthe

Wie es leuchtet! Zumindest auf drei von 15 frühbarocken Gemälden des italienischen Meisters Francesco Albani (1578-1642), die zur Ausstattung der Moritzkirche in Naumburg zählen und jüngst restauriert wurden. Seit 1913 befindet sich der Bilderzyklus von Christus, Maria und Johannes dem Täufer sowie den zwölf Aposteln in der Domstadt. Jetzt ist er in einer Ausstellung in der Galerie Schlösschen am Markt zu sehen, und zwar in Augenhöhe und nicht wie an ihrem angestammten Platz in St. Moritz viele Meter über dem Betrachter.

Die Bilder, die der in Bologna geborene und daselbst auch gestorbene Albani zwischen 1606 und 1609 in Rom anfertigte, waren aus dem kunsthistorischen und kollektiven Bewusstsein weitgehend verschwunden. Die Restaurierung von drei Gemälden hat der Förderverein Moritzkirche – der sich seit Jahren sehr erfolgreich bemüht, das Gotteshaus wieder in den Fokus zu rücken – zum Anlass genommen, den Reigen, genauer: zwölf von 15 Werken Albanis, der Öffentlichkeit zu präsentieren. Von denen ist nur bekannt, dass sie König Friedrich Wilhelm III. 1815 ankaufte und – vermutlich einem Entwurf Karl Friedrich Schinkels folgend – einheitlich in schlichten Goldrahmen einfassen ließ.

Muskulöser Auferstandener

Die Schau führt buchstäblich auf jene drei Darstellungen hin, die von den Aposteln flankiert werden. Die Bilder von Christus, Maria und Johannes dem Täufer konnten bereits restauriert werden. Kostenpunkt: 4 000 Euro pro Bild. Christus, der den Betrachter frontal anblickt, zeigt die Wundmale an seinen Händen. Der Begleittext erinnert daran, dass der Körper des Auferstandenen angesichts der erfahrenen Leiden erstaunlich muskulös und wohlgeformt ist - und seine Physiognomie der des Täufers Johannes zum Verwechseln ähnlich sieht. Letzteres erklärt Kurator Guido Siebert, der auch der Vorsitzender des Fördervereins Moritzkirche ist, mit dem Hinweis, dass Albani für beide biblischen Gestalten wohl ein Modell hatte.

Glaubt man bei den noch nicht restaurierten Darstellungen der Apostel, dass die Bildhintergründe wohl hellbraun seien, zeigt sich auf den Arbeiten, die bereits gereinigt und konserviert wurden, dass der Grund durchaus goldfarben leuchtet. Die Restaurierung brachte ferner an den Tag, mit welchem Können Albani den Faltenwurf gestaltet. Bis auf Christus, der nur eine Bahn aus weißem Stoff trägt, hat der Italiener den Figuren Garderoben aus schweren Stoffen angemessen, deren Farben harmonisch aufeinander abgestimmt sind. Maria, die Mutter Gottes, etwa – deren Blick frei von Trauer und in seliger Verklärung auf ihren Sohn gerichtet ist – trägt zum roten Gewand einen tiefblauen Umhang.

Die Dreiergruppe, die das Weltgericht symbolisiert, stellt die Verbindung her zu einem Kunstwerk, das sich einst ebenfalls in der Moritzkirche befand: 1899 wurden auf deren Dachboden ein hölzernes Kruzifix und die Figur einer Maria gefunden, bei denen es sich um Teile einer um 1220/25 entstandenen und ursprünglich aus drei Figuren bestehenden Triumphgruppe handelt. Die Werke wurden auf Betreiben von Wilhelm Bode (1845-1929), dem Gründer des Kaiser-Friedrich-Museums, 1913 nach Berlin verkauft. Auch erhielt die Moritzkirche Abgüsse der Schnitzereien. Die Werke des 13. Jahrhunderts sind so bemerkenswert, da es sich bei dem Gekreuzigten um einen sehr frühen Dreinagel-Typus handelt. Die ältere Forschung geht davon aus, dass jenes Kruzifix auch vorbildhaft für den Naumburger Meister war, der ein ähnliches Werk am Portal des Westlettners im Dom schuf.

Paten für Apostel gesucht

Bode scheint bei dem Handel ein schlechtes Gewissen geplagt zu haben, zumal ihm vom damaligen Moritzkirchen-Pfarrer wohl verdeutlicht wurde, dass die Triumphgruppe zu günstig veräußert worden sei. Und so gab Bode nach den Abgüssen des Gekreuzigten und der Maria noch Albanis Zyklus nach Naumburg.

Im Jahr 2001 wurden fünf Bilder aus dem Reigen in der Ausstellung „Caravaggio in Preußen“ gezeigt, mit dem Erfolg, so Kurator Siebert, dass sogleich ein Angebot aus Italien einging des Inhalts, die 15 Werke aus Naumburg zurückkaufen zu wollen. Albanis Bilder befinden sich heute in den wichtigsten Kunstsammlungen der Welt. „Der Zyklus jedoch ist im Werk des italienischen Meisters einzigartig – und der bedeutendste aus der Zeit des Barock in Sachsen-Anhalt“, sagt Siebert.

Für die Apostel-Bilder werden noch Paten gesucht, mit deren Hilfe die Gemälde restauriert werden können. Wenn man sieht, wie sich die Werke danach präsentieren, wird deutlich, dass jeder in die Restaurierung gesteckter Euro eine gute Investition ist.

„Die Italiener von Naumburg. Francesco Albani und die Gemälde aus St. Moritz“, Galerie Schlösschen am Markt, bis zum 30. Juli, Di-So 10-17 Uhr (mz)