„Liebe Eva“

Erich Honecker und Eva Ruppert: Briefwechsel trug Züge einer platonischen Romanze

Halle (Saale) - Am Ende seiner Tage gab ein reger Briefwechsel mit einer Lehrerin aus Bad Homburg dem gestürzten DDR-Staatschef Halt und Hoffnung.

Von Steffen Könau

Er schrieb ihr mit blauer Tinte, das große „E“ dieselbe umgedrehte „3“, mit der er seinen Staat geführt hatte: „Einverstanden, EH“ hatte Erich Honecker Politbüro-Vorlagen und Gesetzesentwürfe abgesegnet.

Jetzt, im Sommer 1992, steht das Honecker-E schwungvoll in der Anrede eines Briefes an Eva Ruppert, eine Gymnasiallehrerin aus Bad Homburg, die den Ex-Staatschef zu seinem 80. Geburtstag in der Haft besucht hatte.

Erich Honecker und Eva Ruppert: Eine platonische Romanze

Seither schrieben sich Honecker und Ruppert regelmäßig.

Eine Brieffreundschaft, die Züge einer späten und platonischen Romanze hat, wie das jetzt vom Verlag Edition Ost veröffentlichte Buch zum Briefwechsel zeigt.

Erich Honecker: Vom mächtigsten Mann der DDR zum Häftling

Erich Honecker ist in nur drei Jahren vom mächtigsten Mann der DDR zu einem Häftling des Klassenfeindes geworden.

Seine Partei hat ihn verstoßen, sein Staat hat ihn eingesperrt, die Sowjetunion hat ihn verraten und an die Bundesrepublik ausgeliefert. 

Es ist einsam um Honecker, ihm drohen eine Anklage und ein Prozess. Hinzu kommt eine schwere Krebserkrankung, die die ihm verbleibende Zeit immer schneller vergehen lässt.

Eva Ruppert war 20 Jahre jünger als Erich Honecker

Eva Ruppert, 20 Jahre jünger als Honecker und wie er aus dem Saarland stammend, tritt wie ein Hoffnungsengel in das Leben des Mannes, der mit der Abschiebung aus Russland auch Ehefrau Margot verloren hat. Die Ex-DDR-Bildungsministerin ist aus Furcht vor Strafverfolgung zu Tochter Sonja nach Chile geflogen.

Erich Honecker bleibt zurück. „Jetzt bin ich wieder da, wo mich die Gestapo vor 57 Jahren eingeliefert hat“, schreibt er in einem seiner ersten Briefe.

Erich Honecker im Haftkrankenhaus

Honecker ist im kleinen Hof am Haftkrankenhaus zurückgeworfen auf dunkle Grübelei. Schon 1986 sei ihm klargewesen, was der „große Reformer“ Gorbatschow erreichen würde. Das Ende des Sozialismus.

Das Ende all dessen, wofür Honecker immer eingetreten war.

Honecker schwankte zwischen Selbstzweifeln und Kampfesmut

Die Lehrerin aus Bad Homburg ist die richtige Adresse für den zwischen Selbstzweifeln und Kampfesmut schwankenden Häftling. Die 59-Jährige hatte schon im Dezember 1990 während Honeckers erster Inhaftierung zu den Gründern des „Solidaritätskomitees für Erich Honecker“ gehört.

Nun wird sie zu einer Vertrauten, die nicht mehr als „liebe Genossin Eva“, sondern als „liebe Eva“ angesprochen wird.

Honecker und Ruppert: Zwei Gleichgesinnte, die Buchtipps tauschen

Es sind Gleichgesinnte, die hier Buchtipps tauschen und sich über die Bedeutung aktueller Ereignisse unterhalten.

„Ich denke an die Freiheit“, konstatiert Honecker, „und ich meine selbstverständlich die große Freiheit, von der Brecht geschrieben hat.“

Eva Ruppert, deren Briefe nur teilweise abgedruckt sind, hilft mit Vivaldi-Musik auf Kassetten und Zitaten des KGB-Chefs Feliks Dzierzysnki. „Große Schwierigkeiten müssen mit zehnfacher Energie überwunden werden.“

Zeitungen zählen die Tage, die ihm noch bleiben

Allein, es fehlt Honecker an Reserven, sich und seine DDR zu verteidigen. Der Krebs ist als unheilbar diagnostiziert, Zeitungen zählen erbarmungslos die Tage herunter, die ihm noch bleiben.

Die Handschrift des Politbüro-Chefs ist immer schwerer zu lesen, sie wird breiter, die Pünktchen fehlen. Erich Honecker leidet. Dabei hat sein Prozess noch nicht einmal begonnen.

Honecker: „Ich glaube, dass ich hier nicht mehr herauskomme“

Alles hat er weggesteckt, den Sturz, den Hass, den Verrat seiner Partei. Der Gedanke, nun vielleicht nicht mehr die Kraft zu haben, seine Sicht vor Gericht vorzubringen, ängstigt ihn.

„Es bereitet mir große Sorge, dass ich an der Verteidigung der DDR durch die Krankheit gehindert bin“, schreibt er. Und: „Ich glaube, dass ich hier nicht mehr herauskomme.“

Honeckers Lebenswerk liegt in Trümmern

Eva Ruppert spricht ihm zu. Dem Kummer dürfe es nicht gelingen, den Kampfgeist zu vertreiben. Honecker schöpft Mut: „Man kann die DDR nicht einfach so aus der Geschichte schreiben, sie wird in alle Zukunft wirken.“

Es klingt, als wollte er es sich selbst versichern, angesichts eines Lebenswerkes in Trümmern, den Tod vor Augen.

In seinen Gedanken ist Honecker immer öfter auch bei Gott

Mit den Gedanken ist er in diesen Monaten in Moabit immer öfter auch bei Gott, den er in Briefen aber stets mit dem Vorbehalt „wenn ich ein Christ wäre“ erwähnt.

Ist er nicht, sondern immer noch Kommunist, der an die Erlösung der Menschheit durch Klassenkampf glaubt.

Eva Ruppert flüsterte Erich Honecker Zuversicht zu

In der westdeutschen Lehrerin hat er jemanden gefunden, der seine Ängste verbal wegstreichelt und ihm Zuversicht zuflüstert.

169 Tage sitzt Erich Honecker ein, ehe er Mitte Januar 1993 nach Chile ausreisen darf. Bis zu seinem Tod hält er den Kontakt zu Eva Ruppert aufrecht. (mz)