Erfahrung von Abwertung und Ausschluss

Erfahrung von Abwertung und Ausschluss: Ist der Osten eine Kolonie des Westens?

Dresden - Ist der Osten eine „Kolonie“ des Westens? Die Frage ist nicht neu. Neu ist der Umstand, dass sie ernsthaft diskutiert wird. Bereits 1996 war ein nichtpropagandistisches Buch mit dem Titel „Kolonialisierung der DDR“ erschienen, in denen Wissenschaftler „Kritische Analysen und Alternativen des Einigungsprozesses“ versprachen. Das interessierte damals niemanden; heute ist das Buch ...

Von Christian Eger

Ist der Osten eine „Kolonie“ des Westens? Die Frage ist nicht neu. Neu ist der Umstand, dass sie ernsthaft diskutiert wird. Bereits 1996 war ein nichtpropagandistisches Buch mit dem Titel „Kolonialisierung der DDR“ erschienen, in denen Wissenschaftler „Kritische Analysen und Alternativen des Einigungsprozesses“ versprachen. Das interessierte damals niemanden; heute ist das Buch vergriffen.

„Kolonie Ost?“ fragte jetzt eine Tagung in Dresden, die „Aspekte von ,Kolonialisierung’ in Ostdeutschland seit 1990“ diskutierte. Der Ort musste gewechselt werden, um die Zahl der Zuhörer zu fassen. Auf Einladung des Dresdner Kunstwissenschaftlers Paul Kaiser und des von ihm geleiteten Dresdner Instituts für Kulturstudien arbeitete sich ein Dutzend Referenten am Kern der ostdeutschen Empörung ab.

Soziologen von westdeutscher „Überschichtung“ im Osten

Schnell steht für die Redner fest: Von „Kolonialismus“ kann keine Rede sein. Der meint die gewaltsame Eroberung und Ausbeutung fremder Gebiete. Mit dem Nachwende-Osten, der sich mehrheitlich für den Beitritt zur Bundesrepublik entschieden hatte, hat das nichts zu tun. Auch deshalb nicht, schrieb 2018 der Berliner Publizist Friedrich Dieckmann in den „Dresdner Heften“, weil die kolonialen Herrschaftsträger die vorgefundenen Eliten gemeinhin nicht ersetzten, sondern nutzten.

Die Soziologen sprechen nicht von „Kolonialisierung“, sondern von westdeutscher „Überschichtung“ im Osten bei gleichzeitiger ostdeutscher „Unterschichtung“ im Westen; die Abwanderung von Ost nach West ist seit 1945 nie abgerissen. Mit den bekannten Folgen: Gesamtdeutsch sind die Ostdeutschen in der Elite nahezu unsichtbar; sie sind ein Volk „oben ohne“. Zuletzt meldete eine Studie, dass keine der 81 Universitäten in Deutschland - und keine Hochschule - einen Rektor hat, der aus dem Osten stammt. Auch die zehn mitteldeutschen Unis sind nach fast 30 Jahren Einheit durchweg mit Chefs aus dem Westen besetzt. Aber kann man das den Rektoren vorwerfen?

Abdrängen der Ostler „wie das Herausspülen von Münzen niederen Werts“

Raj Kollmorgen lehnt das ab. Der an der Hochschule Zittau-Görlitz lehrende Soziologe war es, der das Eliteproblem Ost zu einem gesamtdeutsch wahrgenommenen Thema befördert hat. Kollmorgen nimmt nicht Personen, sondern Strukturen in den Blick. In Dresden erklärt er, was die West-Eliten im Osten mit nahezu physikalischer Notwendigkeit auf die Bahn gebracht hat: die Einheit im Beitritts- und nicht im Wiedervereinigungs-Modus, die den Elitentransfer erzwang; die zahlenmäßige Unterlegenheit der Ost-Bevölkerung, die folgerichtig mit einer kulturellen und sozialen Marginalisierung als Minderheit einhergeht; die Tatsache, dass sich Eliten in Machtnetzwerken reproduzieren. In denen vollziehe sich das Abdrängen der Ostler „wie das Herausspülen von Münzen niederen Werts“. Mit irgendeinem Vorsatz hat das wenig zu tun, sondern mit einer in sich schlüssigen Sozialmechanik.

Deutlich sieht Kollmorgen die „Benachteiligung“ der Ostler, aber ausdrücklich sieht er keine „Diskriminierung“. Der Wissenschaftler vom Jahrgang 1963 warnt davor, sich in einem Kolonialismus-Diskurs „zu wälzen“, nicht zuletzt, weil es den echten Kolonialismus verniedliche.

Soziologin vergleicht Meinungen über Ostdeutsche und Migranten

Der Dresdner Soziologe Michael Hofmann spricht stattdessen von „Landnahme“. Ein von Rosa Luxemburg her entwickeltes Theorem, das die auf Expansion angewiesene kapitalistische Dynamik beschreibt: hier von Deutschland West nach Deutschland Ost. Die äußere laufe mit einer „inneren Landnahme“ einher, mit dem Einspeisen von systemrelevanten Normen, die Anerkennung finden oder eben auf Abwehr stoßen. Für Hofmann gibt es nicht die Guten oder Bösen. „Wir sind alle Täter“, sagt er. Und im Blick auf die kapitalistische Globalisierung sei es „völlig wurscht, ob eine West- oder Ost-Elite herrscht. Es käme am Ende dasselbe heraus.“

Ein Urteil, mit dem die statistischen Befunde von Naika Foroutan korrespondieren. Die Berliner Soziologin verglich Meinungen über Ostdeutsche und Migranten, die gesamtgesellschaftlich um Platz zwei und drei in der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft ringen. Was die Statistiken zeigen: Die Westdeutschen erkennen die Benachteiligung des Ostdeutschen nicht an. Aber in ihren Vorbehalten gegenüber Migranten und Muslimen sind Ost und West ein vereintes Land.

Kulturelle und psychosoziale Überlegenheits- und Abwertungs-Gesten

Der Fremdheit der Ostler im Osten hilft das nicht, die - das zeigt die Tagung durchweg - nicht allein als ein Mangel an Teilhabe, sondern vor allem und im Kern als ein Mangel an Anerkennung, Wahrnehmung und Wertschätzung erlebt wird. Wenn auch nicht von „Kolonialismus“, so ist in Dresden doch immer wieder von Haltungen und Handlungen die Rede, die aus dem „Postkolonialismus“ bekannt sind: Kulturelle und psychosoziale Überlegenheits- und Abwertungs-Gesten, die aus den im Osten politisch verstetigten West-Strukturen resultieren. Der Ostler erlebt sie als Abwertung, der Westler als Ausdruck ureigener Normalität.

Im hochreflektierten Kulturmilieu sind die Empörungs-Potenziale besonders stark. Der Verzicht auf eine Herkunftskompetenz fällt hier schwer - und immer schwerer ins Gewicht. Paul Kaiser, der im Jahr 2017 den „Dresdner Bilderstreit“ entfachte, beschreibt die „koloniale Attitüde“ von Führungspersonen, die gar nicht kennen, was sie verwalten. Etwa ein Chef der Dresdner Galerie Neue Meister, der nach 19 Dienstjahren mit dem öffentlichen Bekenntnis überraschte, dass er dessen bedeutende DDR-Kunstbestände kaum kenne.

„Es kommt nicht auf die Herkunft, sondern auf das Verhalten an“

Was tun? „Es kommt nicht auf die Herkunft, sondern auf das Verhalten an“, also auf das Gefühl für den Ort, an dem jemand wirkt, sagt der Dresdner Bürgerrechtler und Theologe Frank Richter. Eine Ost-Quote muss her, mindestens für zwei Legislatur-Perioden, schlägt Naika Foroutan vor. Ran an die Posten!, fordert Paul Kaiser die Ostler auf. Bloß weg davon!, erwidert Raj Kollmorgen. In die alten westdeutschen Herrschaftsstrukturen drängen: „Wozu wollen wir das eigentlich?“, fragt er. „Ist das die Aufgabe der aufarbeitenden Ostdeutschen unserer Generation?“ Was alle Positionen vereint: Sie sind von Dringlichkeit getrieben. (mz)