Denkmalpflege

Denkmalpflege: Rokokopracht auf Leinen

ERMLITZ/MZ. - Ein draller Engel winkt dem barock grinsenden Paar aus der Ecke der Leinwand zu. Gemälderestauratorin Hilden liegt auf einem Gerüst, um auch die Mitte der 2,70 mal 2,50 Meter großen Leinwand-Tapete zu erreichen, die auf einem Arbeitstisch ausgebreitet ist. Zwei Camping-Matten und Kissen erleichtern der Dresdnerin die schwierige Körperhaltung am und über einem großflächigen "Denkmal von Nationaler Bedeutung": Den Rokoko-Tapeten des Gutshauses Ermlitz ...

Von MICHAEL FALGOWSKI 08.05.2009, 20:02

Ein draller Engel winkt dem barock grinsenden Paar aus der Ecke der Leinwand zu. Gemälderestauratorin Hilden liegt auf einem Gerüst, um auch die Mitte der 2,70 mal 2,50 Meter großen Leinwand-Tapete zu erreichen, die auf einem Arbeitstisch ausgebreitet ist. Zwei Camping-Matten und Kissen erleichtern der Dresdnerin die schwierige Körperhaltung am und über einem großflächigen "Denkmal von Nationaler Bedeutung": Den Rokoko-Tapeten des Gutshauses Ermlitz (Saalekreis).

Bei der Konservierung der handbemalten Textiltapeten ist Geduld so wichtig wie eine ruhige Hand. In der eigens eingerichteten Werkstatt neben dem Gutshaus wird das Mühsame dieser Millimeterarbeit greifbar. "Ein Jahr lang haben wir jetzt die 68 Quadratmeter Leinwandtapeten des Roten Salons im Herrenhaus Ermlitz untersucht, dokumentiert, gereinigt und die Oberfläche verfestigt", erzählt Mitarbeiterin Karin Geißlinger.

Gereinigt wurde mit einem handelsüblichen Radiergummi. "Nun müssen Fehlstellen geflickt, Wasserflecken entfernt und Risse verklebt werden", erläutert Restauratorin Hilden, Projektleiterin der Hochschule für bildende Künste Dresden. Das auf zwei Jahre konzipierte Projekt der Hochschule steht zur Halbzeit erst am Anfang: Die Beletage des herrschaftlichen Gutshauses umfasst fünf komplett mit barocker Stoffpracht ausgeschlagene Gesellschaftszimmer.

Ermlitz ist ein verschlafenes Saalekreis-Dorf in der Elster-Aue. "Apels Gut 1" lautet die Adresse des Herrenhauses. 1771 kaufte die Leipziger Kaufmannsfamilie Apel den Besitz. Unter anderem Carl Maria von Weber und Richard Wagner waren Gäste der kunstsinnigen Gutsherren. "Dies ist meine Heimat. Hier bin ich aufgewachsen", sagt Gerd-Heinrich Apel. 1945, als 14-Jähriger, hatte er Ermlitz verlassen müssen. Gemeinsam mit seiner Familie, vor allem unterstützt von dem Ehepaar Mackenthun aus München, hat Apel 2001 die Kulturgut Ermlitz GmbH gegründet und das Gut zurückgekauft. Die Bindung an diesen Ort, an seine Kindheit zwischen Barockmöbeln, Sammlungen von Instrumenten, Möbeln, Büchern, Gemälden, Zeichnungen - darunter von Rembrandt und Dürer - Briefen und mittelalterlichen Handschriften ist sehr lebendig. "Teile der Sammlung habe ich nach 1990 in über 15 Museen und Archiven vor allem in Sachsen-Anhalt und Thüringen gefunden - im Händelhaus, der Moritzburg und in der Universitätsbibliothek Halle, aber auch in den Schlössern von Wernigerode und Zeitz", erzählt er.

Diese Kulturgüter erhält er per Gesetz zurück. Auch wenn die Museen sie noch 20 Jahre ausstellen dürfen, ist schon einiges nach Ermlitz heimgekehrt. "Wir wollen sie in unsere gemeinnützige Apel'sche Kulturstiftung einbringen und so wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen", so der 78-Jährige. Bereits jetzt ist die Baustelle Herrenhaus ein Ort regelmäßiger Konzerte und privater Veranstaltungen. Derzeit wird das Dachgeschoss ausgebaut, Ende des Jahres ist nach fünf Jahren das Haus fertig.

"Bisher hat der Bau rund zwei Millionen Euro gekostet, 1,3 Millionen waren Fördermittel. Die Restaurierung der barocken Tapeten aller fünf Räume wurde auf 1,3 Millionen Euro geschätzt", sagt Arnd-Ulrich Mackenthun, Geschäftsführer der Kulturgut Ermlitz GmbH. Eine 500 000-Euro-Spende der Hermann-Reemtsma-Stiftung habe das Projekt zur Rettung des deutschlandweit einmaligen Rokokoensembles erst ermöglicht. "Dies wird wohl nur für den Roten Salon reichen", sagt Restauratorin Stephanie Hilden. Wie es danach weitergeht, ist offen. "Eine Anschlussfinanzierung fehlt noch", so Gabriela Mackenthun vom Förderverein Kulturgut Ermlitz.

Nach einem Jahr akribischer Arbeiten ist Hilden noch immer von "ihrer Tapete" fasziniert. "Sie spiegelt die ganze Geschichte des Hauses wider." Ganz selten finden sich auch kleine Kinderkritzeleien. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gut LPG und das Herrenhaus zum Kinderheim "Clara Zetkin". Erst in den 60er Jahre wurden die Stoffbahnen abgehängt oder verkleidet.

Im Roten Salon sollen im Spätsommer die ersten Teile der konservierten Tapeten nach einem System montiert werden, das derzeit noch entwickelt wird, so Hilden. "Angenagelt wie früher werden sie jedenfalls nicht."