DDR in Bild und Wort

DDR in Bild und Wort: Die Debatte um Gestaltung und Politik im Osten lebt

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Von Andreas Montag

DDR-Kunst oder Kunst aus der DDR? Nein, das ist durchaus keine Haarspalterei, sondern eine nicht unwesentliche Frage. Hätte man die schon früher so deutlich gestellt, wären uns ein paar Minenfelder erspart geblieben.

Statt dessen gab es 1999 den Schocker „Aufstieg und Fall der Moderne“ in Weimar, wo eine faktische Identität zwischen ostdeutscher Kunstproduktion und SED-konformer Propaganda behauptet wurde. Von den Nachwirkungen dieser Provokation gehen Erschütterungen bis heute aus. In Dresden gab es jüngst eine emotionale Debatte über den Vorwurf, die Kunst aus der DDR würde in den Staatlichen Kunstsammlungen marginalisiert.

Derweil zeigt man im Museum Barberini Potsdam Kunst aus der DDR - mit teils bekannten, teils unbekannteren Positionen, die insgesamt ein differenziertes, für später Geborene vielleicht auch überraschendes Bild abgeben: Die haben ja auch richtige Kunst produziert hinter der Mauer! Doch schon hört man auch den Einwand, damit würde womöglich, unter Auslassung des „Bösen“, ein neuer Kanon gebildet.

Bestandsaufnahme gezeigt

Thomas Bauer-Friedrich, der Direktor des Kunstmuseums Moritzburg Halle, sieht zumindest die Möglichkeit für ein solches Missverständnis. Zugleich ist ihm wichtig darauf hinzuweisen, in seinem Haus sei die Ost-Kunst immer thematisiert worden, lange vor seinem Amtsantritt schon. Bauer-Friedrich erinnert an die „Bestandsaufnahme“ 1999/2000, in der präsentiert wurde, was man während der DDR-Jahre zusammengetragen hatte. Auch gab es Sonderausstellungen, etwa zum Werk Mattheuers, Eberts und der Möhwalds.

Allerdings geschah dies alles eher ruhig, wie Bauer-Friedrich einräumt: „Es wurde zu wenig nach außen getragen.“ Und eine kritische Auseinandersetzung habe im eigentlichen Sinne eben auch nicht stattgefunden.

Dass der Direktor die Wahrnehmungslücken, mit denen es das Kunstmuseum Moritzburg noch zu tun hat, schließen will, daran lässt er allerdings keinen Zweifel. Und mit dem ersten, seit Herbst gezeigten und bis 1945 reichenden Ausstellungsteil zur Moderne hat er schon demonstriert, wohin die Reise gehen soll.

Völlig neu konzipierten Schau

So wird in der völlig neu konzipierten Schau um die Zeit von 1933 bis 1945 kein diskreter Bogen geschlagen - durchaus nicht selbstverständlich in deutschen Museen. Und wenn im Frühjahr 2018 die „Wege der Moderne. Kunst im 20. Jahrhundert aus den Sammlungen des Kunstmuseums Moritzburg Halle“ komplett sein werden, gibt es dann im zweiten Teil quasi ausschließlich Kunst aus der DDR zu sehen.

Das Verlangen von Besuchern, Bildern zu begegnen, die man aus dieser Epoche kennt, hält der Direktor für völlig legitim. Zudem denkt er an das Profil seines Hauses, das schließlich auch diesem Teil der Moderne verpflichtet ist. Sollte man auch wegen der vielerorts präsenten Klassischen Moderne aus New York vielleicht nicht eigens nach Halle kommen - um sich ein Bild von der Kunstlandschaft der DDR zu machen, künftig vielleicht schon, hofft Bauer Friedrich.

Kritische Positionen

Begleitend zu der Moderne-Schau und kleineren thematischen Sonderausstellungen, die es in der „Box“ im zweiten Obergeschoss geben wird, sollen öffentliche Gespräche über Kunst, Gesellschaft und Politik stattfinden, darunter voraussichtlich im April eine Podiumsdiskussion in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung.

Das Ziel der halleschen Sammlungspräsentation sieht Bauer-Friedrich in Beidem: Man soll die Werke der Zeit wiederfinden, aber auch kritische Position beziehen können. Wenn man so will: der normale, natürliche Umgang mit Kunst - zumal, wenn sie zu einer Zeit entstanden ist, deren politisch-gesellschaftliche Koordinaten von Ideologie bestimmt waren, der man mehr oder weniger verpflichtet - oder der man eben auch widerständig abgeneigt sein konnte.

Spannend wäre für ihn zu erfahren, sagt Thomas Bauer-Friedrich, was eigentlich die jungen Kunstproduzenten, die Burg-Hipster, vom künstlerischen Erbe der DDR halten. Aber es kommen nur wenige von ihnen in sein Haus: „Ich würde mir wünschen, dieses Gespräch zu beleben.“

Und welche Arbeiten jener Zeit würde er selbst auf die berühmte, hypothetische Insel mitnehmen? Als „ehrlicher Halunke“, der man als Zugereister in Halle ja nur werden kann, käme er auf etwas aus der halleschen Schule - Kitzel oder Bachmann fallen Bauer-Friedrich ein. Auch Tübkes 1956 gemaltes „Porträt einer Studentin“. Oder „Anja mit purpurfarbenem Handschuh“ (1985) von Clemens Gröszer.

Ernsthaft in Rede steht aber, dass Mattheuers „Jahrhundertschritt“ die Besucher der kompletten Moderne-Schau im Foyer begrüßen wird. Überaus passend.  (mz)