Tragödien

Macht und Gewalt, damals wie heute: Euripides neu übersetzt

Vier Werke von Euripides hat Raoul Schrott ins Deutsche übertragen. Dabei zeigt sein phänomenales Gespür für die Gegenwart und ihre Sprache, wie aktuell der alte Grieche weiterhin ist.

Von Sebastian Fischer, dpa
Vier Werke des antiken Dichters Euripides hat Raoul Schrott neu ins Deutsche übertragen. --/dtv/dpa

Berlin

Allein an der Narbe über der Braue erkennt Elektra nach Jahren der Trennung ihren Bruder wieder. Es ist das Stigma des Wundmals, das der antike Dramatiker Euripides seinem Orestes als Alleinstellungsmerkmal mitgibt.

Der Held definiert sich über seine Verletzung: ein grundlegendes Sinnbild für die Werke von Euripides, der mit Aischylos und Sophokles das Dreigestirn der großen Tragödiendichter in der griechischen Antike bildet.

Weniger als 20 seiner rund 90 Werke blieben über fast zweieinhalb Jahrtausende erhalten. Vier davon - „Elektra“, „Orestes“, „Alkestis“ und „Bakchen“ - sind jüngst unter dem Titel „Die großen Stücke“ neu erschienen. Die Übersetzungen des österreichischen Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Raoul Schrott kamen teils vor Jahren auf die Bühne, jetzt sind sie in einem Band versammelt.

„Euripides hat genau beobachtet, was mit Menschen passiert, die sich individualisieren, wie Emotionen funktionieren und wie sie den Menschen verändern“, sagte Schrott jüngst in einem Interview. „Er markiert den Beginn unserer Moderne und der Entwicklung des Individuums sowie der Demokratie.“

Geprägt ist das Schreiben des Euripides (etwa 480 bis 406 v. Chr.) vom Peloponnesischen Krieg, der in etwa auf die letzten drei Jahrzehnte seines Lebens fällt. Der Konflikt zwischen den Stadtstaaten Athen und Sparta erschüttert seinerzeit die ganze griechischsprachige Welt und mit ihr die attische Demokratie.

Dem Dichter gilt dabei der Mythos vom Kampf um Troja als Sinnbild für die Absurdität des Krieges. Die Charaktere seiner Tragödien sind nicht mehr die Heroen eines Aischylos oder Sophokles. Euripides zeigt gebrochene Menschen mit Schwächen und teils niederträchtigen Zügen.

Seine Elektra im gleichnamigen Stück etwa ist zerfressen von der Rache an der Mutter. Diese hatte ihren eigenen Ehemann und Troja-Triumphator Agamemnon nach dessen Rückkehr in sein Königreich Mykene ermordet. Die Tochter kann keinen anderen Gedanken mehr fassen, als den Tod ihres Vaters zu vergelten. „Sobald auch das blut meiner mutter geopfert ist sterbe ich glücklich“, heißt es in Schrotts Version. Für die Tat holt sie ihren Bruder ins Boot.

In der direkt anschließenden „Orestes“-Tragödie eskaliert die Rache vollends. Die Geschwister sollen wegen des Mordes an der Mutter vor Gericht kommen. Doch sie fliehen - samt Geiselnahme und Drohungen. Ein Strudel aus Gewalt und Gegengewalt. Dem Terror Einhalt gebietet am Ende nur der Auftritt des Gottes des Lichts, Apollon. Ein grotesk-ironischer Schachzug von Euripides, der keine Lösung für das Menschengeschlecht aufzeigt, sondern den Widerspruch in sich hält.

In seinem überaus aufschlussreichen Nachwort zur Neuausgabe schreibt der Berner Germanistik-Professor Oliver Lubrich treffend: „Es geht um die Rache und die Folgen der Tat, das heißt: um die Eigenlogik der Gewalt.“ Es herrsche nicht mehr die Kraft der Vernunft, sondern des populistischen Verfalls.

Für den Übersetzer Schrott war die Beschäftigung mit den Originalwerken ein „intensiver Vorgang“. Für ihn müsse ein Stück heute die gleiche Wirkung entfalten wie in der Antike. Das „Goethe-Schiller-Winckelmann-Deutsch“, wie der 57-Jährige die Sprache anderer Übersetzungen bezeichnet, wolle er hinter sich lassen.

Sprachlich wechselt die Übertragung zwischen pathetischem Stil und umgänglichen Floskeln. „Ah - ein gutmensch. Einer mit moral“, lässt Schrott etwa den Orestes sagen. Wörter wie „haderlumpen“ oder „klugscheisser“ fallen. Und die beiden Geschwister grüßen einander auch schon einmal mit einem ungezwungenen „Hallo“. Das dürfte einige bei der Lektüre schlucken lassen, aber anregend und modern ist das durchaus.

In seinen Tragödien beklagt Euripides die Skrupellosigkeit und Intriganz der damaligen Gesellschaft: viel Menschenfängerei, wenig Demokratieverständnis. Schrott zeigt mit seiner Übertragung, wie aktuell sich der alte Grieche in der heutigen Gegenwart mit ihren regelmäßig aus dem Ruder laufenden Protesten liest: „Denn ist die menge einmal aufgebracht und lodert der volkszorn auf / ist es als wollte man einen waldbrand mit blossen händen löschen.“

- Euripides: „Die großen Stücke: Alkestis, Bakchen, Elektra, Orestes“, übertragen von Raoul Schrott, dtv Literatur, 408 S., 30,00 Euro, ISBN 978-3-423-28231-4.