Gewinner und Verlierer:

Wirtschaftliche Bilanzen einer Pandemie

Wirtschaftliche Bilanzen einer Pandemie 
Wirtschaftliche Bilanzen einer Pandemie  (Foto: pixabay Gerd Altmann)

Als Ende 2019 die Coronavirus-Variante SARS-CoV-2 erstmals im chinesischen Wuhan auftauchte, konnte sich noch kaum jemand vorstellen welche Auswirkungen das letztendlich haben würde. Lange bestimmte die Corona-Lage in aller Welt die Nachrichten. Mit steigenden Impfquoten scheint die Pandemie, zumindest vorerst, langsam ihren akuten Schrecken zu verlieren. Das macht es möglich erste Bilanzen zu ziehen und einen Ausblick in die Zukunft zu wagen.

Der Handel

Hier findet sich alles, die ganz großen Gewinner, die ganz großen Verlierer und alles dazwischen. Die meisten Geschäfte geschlossen, Maskenpflicht und Zutrittsbeschränkungen, wo sie noch geöffnet waren – das trieb viele Kunden in die offenen Arme der Onlineanbieter. Vor allem der Branchenführer Amazon profitierte und konnte seine Gewinne in der Krise verdreifachen.
Kleine und mittlere stationäre Einzelhändler erlebten das Gegenteil. Für sie war der Kampf gegen den Onlinehandel schon vor der Krise eine Herausforderung und auch mit der Wiederöffnung der Geschäfte werden sich nicht alle vom Ausfall erholen können.
Eine Ausnahme bilden Lebensmittelhandel und Drogerien, die durchgehend geöffnet blieben und dabei teilweise höhere Einnahmen verzeichnen konnten. Auch der Heimtierbedarf durfte geöffnet bleiben und legte zu. Kein Wunder, denn laut der Tierschutzorganisation PETA wuchs auch der Bestand an Haustieren in Deutschland im Jahr 2020 um über eine Million.

Interessant ist die Entwicklung bei den Luxusgütern. Allein im Bereich Schmuck- und Uhren waren 2020 Umsatzeinbußen von bis zu -15 % zu verzeichnen. Insgesamt geht man davon aus, dass das weltweite Umsatzvolumen bei Luxusgütern in diesem Jahr um bis zu ein Viertel geringer war. Teure Kleidung, Parfum oder Schmuck haben in Krisenzeiten für die Kunden keine Priorität. Aber noch ein anderer Faktor spielte hier eine Rolle. Der Luxussektor ist online weit weniger vertreten als andere Handelssparten. Ein hausgemachtes Problem, denn man wollte die exklusiven Waren an ein ebenso exklusives Einkaufserlebnis binden. Das rächte sich für viele Hersteller in der Krise.

Besonders anschaulich zeigt das ein Blick auf die Luxusuhrenbranche. Hier spielte der Onlinehandel bislang eher eine Außenseiterrolle, galt teilweise sogar als verrufen. Herstellerkonzessionen fehlten und der Verkauf im Netz war somit oft auf Gebrauchtware beschränkt. Zwar lief das Geschäft mit Edeluhren für viele Onlineanbieter trotzdem gar nicht schlecht, aber auf die offizielle Kooperation mit den Uhrenherstellern mussten sie verzichten. Die lehnten die Zusammenarbeit ab, teils aus Überzeugung, teils auf Druck ihrer stationären Vertragspartner im Juweliergeschäft.

Hier haben sich die Kräfteverhältnisse in der Krise verschoben. Auch online waren Luxusuhren zwar weniger gefragt als sonst, aber wer nun doch gerade eine Rolex kaufen wollte, tat das eben im Netz. Denn als Geschenkartikel oder gar als krisensichere Wertanlage waren Luxusuhren trotz allem noch für viele Käufer attraktiv. Sammler setzten sogar auf Schnäppchen durch fallende Preise. Während die stationären Juweliere im Lockdown, insbesondere auch während des sonst besonders umsatzstarken Weihnachtsgeschäfts, schließen mussten, konnten sich die Onlineanbieter also ganz gut über Wasser halten. Knapp wurden die Uhren im Onlinehandel dabei auch ohne Herstellerkonzessionen nicht, denn viele Uhrenbesitzer machten ihre Schmuckstücke jetzt zu Geld. So erwies sich der Uhrenmarkt im Netz als vergleichsweise krisensicher. Und so mancher Hersteller wird währenddessen seine Vorbehalte gegen den Onlinehandel vielleicht bereut haben, denn nun wäre dieser verbleibende Absatzmarkt sicher hilfreich gewesen.
Es bleibt abzuwarten wie die neuen Verhandlungspositionen diese Branche jetzt verändern werden. Es ist jedenfalls nicht unwahrscheinlich, dass etliche Neukunden gefallen am Onlineshopping gefunden haben und auch nach der Krise nicht mehr zwangsläufig den Weg zum Juwelier suchen werden. Eine Entwicklung, die sicher auch der Rest des stationären Einzelhandels befürchtet.

Gesundheit und Hygiene

Für den Gesundheitssektor entwickelte sich die Coronakrise zu einer Herausforderung, allerdings für einige Unternehmen zu einer durchaus gewinnträchtigen. Insbesondere Hersteller und Vermarkter von Masken und Desinfektionsmitteln und auch Apotheken konnten natürlich saftige Umsätze einfahren.
Einen Sprung nach vorne hat die Gesundheitsbranche in Sachen Digitalisierung gemacht. Gesundheits- und Kontaktverfolgungsapps, Onlinesprechstunden bei Ärzten, Datenübermittlung und nun auch der digitale Impfpass – aus vermeintlichen Zukunftsvisionen wurde hier schnell Wirklichkeit. Weltweit sollen etwa 11 Milliarden Euro in diesen Sektor investiert worden sein. Unternehmen im Digital Health Bereich gehören damit zu den Profiteuren.
Weniger positiv fällt die Bilanz bei den Krankenkassen aus. Sie sind immer mehr in eine finanzielle Schieflage geraten, die sich in Zukunft noch verschlimmern könnte. Ein Minus von 17 Milliarden Euro wird für 2022 prognostiziert. Hier machen sich nicht allein die Kosten für akute Infektionen und deren Langzeitfolgen bemerkbar. Eine Zunahme bei Suchterkrankungen und psychischen Problemen infolge der Pandemie ist ebenfalls zu befürchten. Durch Kurzarbeit sanken obendrein die Beitragseinnahmen. Für Versicherte sind Beitragserhöhungen damit in Zukunft nicht unwahrscheinlich.

IT

Für die IT-Branche waren vielfach gute Zugewinne möglich. Homeoffice, Onlineunterricht und vermehrter Onlinehandel machten passende IT-Lösungen zum gefragten Gut.
Hier ist Zoom vermutlich das prominenteste Beispiel. Hatte vor der Pandemie selten jemand mit der Videokonferenz-Software zu tun, wurde ihr Einsatz plötzlich alltäglich. Das Unternehmen hat seine Gewinne derweil mehr als verachtfacht. Das extreme Wachstum stagniert natürlich mittlerweile. Dennoch sieht man hier positiv in die Zukunft, denn einmal eingeführt, werden flexible, hybride Arbeitsmodelle sicher vielfach weiterhin genutzt werden.

Gastronomie, Kultur, Sport und Unterhaltung

Hier gab es große Verluste. Veranstaltungsausfälle, geschlossene Museen, Zoos, Kinos Schwimmbäder bedeuteten viele weiterlaufende Kosten, aber keine Einnahmen. Ähnlich sah es auch in der Gastronomie aus. Trotz improvisierter Lieferservices oder Drive-in-Angebote gab es starke Umsatzeinbußen. Allerdings ist die Zukunftsprognose hier insgesamt nicht ganz schlecht, denn der Erlebnishunger der Menschen fällt nach der Krise wohl umso größer aus.
Dennoch werden wohl etliche Unternehmer aufgeben, denn die Belastungen waren gerade für kleine Betriebe enorm und sind trotz staatlicher Hilfen kaum aufzufangen.
Ganz anders sah es natürlich beim Home-Entertainment aus. Streamingdienste wie Netflix legten ordentlich zu. Die Anzahl der Abonnenten schoss in die Höhe. Teilweise mussten die Anbieter ihre Streaming-Bitraten drosseln, da die Portale überlastet waren. Auch Hörbuchanbieter und der Hobbybereich konnten von der Nachfrage nach Freizeitgestaltungsmöglichkeiten für zu Hause profitieren.

Reisebranche

Reisebüros, Reiseveranstalter, Fluggesellschaften und Unterkünfte traf es ähnlich hart wie die Gastronomie. Gerade in Regionen deren Haupteinnahmequelle der Tourismus ist, bedeuteten die Einschränkungen oft einen Überlebenskampf.
Doch auch hier stehen die Chancen auf Erholung gut. Vor allem im Inland kündigt sich bereits ein Buchungs-Boom an. Insbesondere individuelle Einzelunterkünfte wie Ferienhäuser sind jetzt gefragt. Die Verluste wieder einzufahren wird sicher nicht einfach, aber die Prognosen sind positiv.

Logistik und Zustelldienste

Logistische Dienstleistungen waren extrem gefragt. Auch hier wirkte sich vor allem der Onlinehandel aus. Fluggesellschaften hatten zwar kaum noch Passagiere zu befördern, dafür aber ein erhöhtes Aufkommen an Luftfracht. Bei der Lufthansa baute man kurzerhand Sitze aus Passagierjets aus, um sie dann als Frachtmaschinen einsetzen zu können.
Paketzusteller konnten sich vor Arbeit nicht retten und die Versandflut kaum bewältigen. Ging man anderswo in Kurzarbeit, gab es hier zahllose Überstunden.
Leider wirkte sich die große Nachfrage meist nicht in Form besonderer Anerkennung für die Mitarbeiter aus und es blieb bei Stress und Knochenarbeit für einen vergleichsweise geringen Lohn.

Wirtschaft und Finanzmärkte

Auswirkungen auf die Finanzmärkte blieben bei den weltweiten Turbulenzen in nahezu allen Sektoren natürlich nicht aus. Die Börse erlebte den wohl größten Schock gleich zu Anfang, als Ende Februar 2020 die Kurse zu stürzen begannen. Der DAX beispielsweise legte innerhalb von knapp drei Wochen einen Sturz um etwa 40 % hin. Er erholte sich aber schneller als erwartet und erreichte noch im selben Jahr wieder sein altes Niveau.
Die Entwicklungen einzelner Börsenkurse spiegeln dabei die unterschiedlichen Branchenauswirkungen wider. Die der Krisengewinnler stiegen, die der Verlierer fielen. Auch hier war Amazon ein Hauptgewinner. Der Aktienwert des Unternehmens hat sich 2020 innerhalb weniger Monate nahezu verdoppelt.
Ein Auf und Ab erlebte in der Krise die Kryptowährung Bitcoin. Anfänglich stürzte ihr Wert mit allen anderen Kursen ab. Dann schienen Investoren den Bitcoin als vermeintlich sichere Alternative für die Krise zu identifizieren und es ging rasant bergauf. Der Wert verzehnfachte sich. Seit neuestem geht der Trend eher wieder abwärts und es ist noch unklar, ob Corona dem Bitcoin als „Geburtshelfer“ zum endgültigen Durchbruch verholfen hat oder ob die Kryptoblase doch wieder platzt.

Produktion und Industrie

Ähnlich wie im Handel findet sich hier ein buntes Spektrum an Gewinnern und Verlierern. Dabei spielte nicht nur eine Rolle, welche Produkte während der Pandemie besonders gefragt waren. Es gab auch etliche Unternehmen, die ihre Produkte zwar hätten vermarkten können, deren Produktion aber ins Stocken geriet. Hier entpuppten sich die komplexen internationalen Lieferketten als Problem.
Ein Krisenverlierer ist sicherlich die Autoindustrie, die ihre Produktion vielfach herunterfahren musste. Im Lockdown waren auch die Autohändler von Schließungen betroffen. Ähnlich wie Luxusgüter sind aber Neuwagen ohnehin kein gefragtes Gut in Krisenzeiten. Zu den Absatzproblemen kamen Probleme mit den Zulieferern. Insbesondere Computerchips wurden knapp, denn die Elektroindustrie boomte durch die Nachfrage im gesamten digitalen Sektor. War die Autoindustrie vorher als größter Abnehmer noch Tonangebend bei den Chiplieferanten, bevorzugten die nun die Zusammenarbeit mit der verlässlicheren Elektronikbranche. Ähnlich wie bei den Uhrenherstellern entstand auch hier ein neues Kräfteverhältnis.
Mittlerweile haben sich die Wogen hier geglättet und auch für die Autoindustrie stehen die Zeichen wieder auf Erholung.

Und das Toilettenpapier?

Wie geht es eigentlich den Toilettenpapierherstellern mittlerweile? Angesichts der enormen Nachfrage, die sie vor allem zu Beginn der Pandemie erlebten, ist das durchaus eine interessante Frage. Nur Gewinner sollte man meinen. Das ist aber nicht der Fall. Denn auf Unruhe ist man auf diesem Markt nicht eingestellt. Normalerweise ist Toilettenpapier ein Produkt mit sehr konstanter Nachfrage und wenig Schwankungen in den Verkaufszahlen. Entsprechend genau kalkulieren die Hersteller ihre Produktion. Plötzlich viel mehr produzieren ging also nicht so einfach. Supermärkte und Discounter kauften deshalb vielfach billiges Papier aus dem Ausland oder von den Großversorgern öffentlicher Toiletten, um auf das Nachfragehoch zu reagieren. Doch der Markt war irgendwann gesättigt, die Nachfrage ließ nach und das minderwertige Papier wurde zum Ladenhüter.
Im Frühjahr 2021 war bei einigen heimischen Produzenten dann bereits von Kurzarbeit die Rede. Nur mit hochwertigen Markenpapieren läuft das Geschäft immer noch gut, wie beispielsweise der Hersteller Hakle vermeldet. So viel Luxus gönnt man sich offenbar im Homeoffice.

Der Blick in die Kristallkugel

Es bleibt die Frage: Wie sieht die Zukunft nach Corona aus? Die Prognosen fallen unterschiedlich aus. Mal wird von Pleitewelle und Finanzcrash gesprochen, dann wieder vom großen Aufschwung. Letztlich alles mehr oder weniger Spekulation, denn vergleichbare Situationen erlebte die moderne Welt bislang kaum. Die letzte große Erschütterung erlebte die Weltwirtschaft 2008 in Form der Finanzkrise infolge der Lehmann-Pleite. Davon konnten sich die meisten Branchen mehr oder weniger schnell erholen. Für viele Bereiche folgte sogar ein Aufschwung. Jedoch waren die Zusammenhänge eben ganz andere.

Nicht alle finanziellen Löcher werden sich schnell stopfen lassen. Das gilt in der Privatwirtschaft, aber auch beim Staatshaushalt, der durch die Kosten für Corona-Maßnahmen und Hilfsgelder belastet wird. Bereits 2020 nahm der Staat insgesamt etwa 275 Milliarden Euro neue Schulden auf und die Bilanz für 2021 fällt wohl noch negativer aus. Die Staatsschuldenquote liegt damit bei über 70 %. Allerdings lag sie nach der Finanzkrise 2008 zeitweise bei über 80 % und ließ sich in den Folgejahren erfolgreich in den Griff bekommen.
Viele Wirtschaftsexperten sehen deshalb keinen Grund zur Panik und verweisen lieber auf die ersten positiven Entwicklungen, die bereits wieder vermeldet werden.

Tatsächlich hat die Corona-Krise in etlichen Bereichen Anschub für Entwicklungen geleistet, die ohnehin überfällig waren. Das betrifft besonders stark den Bereich der Digitalisierung. Und wie eigentlich aus allen großen und kleinen Krisen lässt sich auch aus dieser etwas lernen. Hersteller und Händler haben beispielsweise erfahren, wie wichtig es sein kann für neue Absatzmöglichkeiten offen zu sein. Auch wie anfällig internationale Lieferketten oder eine reine Auslandsproduktion sein können, wurde offensichtlich.
Solche Einsichten ebnen, wenn sie denn genutzt werden, den Weg für neue Ideen und Herangehensweisen und auch das sorgt für Fortschritt und Wachstum oder wie es der Schweizer Schriftsteller Max Frisch einmal formuliert haben soll: "Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen".