Wirtschaft Sachsen-Anhalt 2019

Wirtschaft Sachsen-Anhalt 2019: Das waren die Gewinner und Verlierer

Halle (Saale) - Ein bewegtes Jahr für die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt: 2019 konnte das Land zwei große Neuansiedlungen verbuchen, dem gegenüber stehen aber auch einige prominente Insolvenzen und angekündigte ...

Von Steffen Höhne 27.12.2019, 10:58
Symbolbild zu Gewinnern und Verlierern.
Symbolbild zu Gewinnern und Verlierern. www.imago-images.de

Ein bewegtes Jahr für die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt: 2019 konnte das Land zwei große Neuansiedlungen verbuchen, dem gegenüber stehen aber auch einige prominente Insolvenzen und angekündigte Betriebsaufgaben.

Die positiven Nachrichten zuerst: Anfang April teilte der Autobauer Porsche mit, vor den Toren von Halle ein neues Werk für Karosserieteile zu errichten. Zusammen mit dem Anlagenbauer Schuler sollen zunächst 100 Millionen investiert werden. Ab 2021 sollen die Karosserie-Teile für den neuen Elektro-Macan gefertigt werden. Zunächst entstehen 100 neue Jobs, doch mehrere Ausbaustufen mit bis zu 600 Arbeitsplätzen sind bereits geplant. Noch größer plant der Batterie-Hersteller Farasis in Bitterfeld-Wolfen. Dort soll für eine Milliarde Euro eine Produktionsstätte mit zunächst 600 Mitarbeitern errichtet werden (siehe „Spannung steigt“).

Dem gegenüber stehen zwei Pleiten von Technologie-Unternehmen: Der traditionsreiche Maschinenbauer Schiess musste Insolvenz anmelden, ob ein Neustart glückt, ist offen (siehe „Wissen erhalten“). Mit Solibro ging auch der letzte größere Solar-Produzent im Land insolvent. Die Produktion wird eingestellt - 200 Mitarbeiter verloren ihre Arbeit. Der stärkste Einschnitt für die Wirtschaft ist jedoch der teilweise Rückzug des Windradbauers Enercon aus Magdeburg. Betriebe mit rund 1 500 Mitarbeitern werden geschlossen (siehe „Große Flaute“).

Verliebt in die Schoko-Kugel

Erfolgshungrig: Als der Investor Darren Ehlert vor ein paar Jahren bei der halleschen Schokofirma Halloren einstieg, wollte er von der Expansion eines Mittelständlers profitieren und diesen dabei unterstützen. Doch die Auslandsexpansion lief schief und die Traditionsfirma rutschte in die Krise. Der 46-Jährige ist seit August 2019 nun selbst als Vorstand tätig. Die Neuausrichtung auf das Produkt Halloren-Kugel soll die Wende bringen. Der Schokoladen-Liebhaber Ehlert investiert nun auch viel Zeit für den Erfolg der Firma. 

Strippenzieher für Kohlefirma

Energiegeladen: Sachsens ehemaliger Ministerpräsident Stanislaw Tillich wurde im Herbst 2019 zum Aufsichtsratschef der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Mibrag) aus Zeitz (Burgenlandkreis) gewählt. Der 60-Jährige soll den Braunkohleförderer nicht nur kontrollieren, sondern durch seine politischen Kontakte dabei helfen, das Unternehmen durch schwierige Zeiten zu manövrieren. Tillich war 2018 einer der vier Vorsitzenden der Kohlekommission, die einen Kohle-Ausstieg bis 2038 vorgeschlagen hat. Die Interessen der Kohle-Kumpel in Mitteldeutschland und der Lausitz vertrat er schon damals vehement. Das gefiel dem tschechischen Mibrag-Eigner EPH offenbar so gut, dass er Tillich nun an sich bindet.

In neue Höhen abgehoben

Flexibel: Der gebürtige Hallenser Johannes Jähn ist seit September Chef der neu gegründeten Frachtairline Cargo-Logic Germany. Vom Flughafen Leipzig/Halle aus soll er die Gesellschaft in den kommenden Jahren aufbauen, die Expressfracht für die großen Online-Händler transportieren soll. Für den Hobby-Piloten Jähn ist das eine reizvolle Aufgabe, die zur richtigen Zeit kommt. Denn bei der Mitteldeutschen Flughafen AG ist er zuletzt als Vorstand nur noch die Nummer zwei gewesen

Tschüss, Bank

Moderieren: Seinen Direktorposten bei der Norddeutschen Landesbank hat Jens Zillmann an den Nagel gehängt und führt seit Mai den kommunalen Wohnungsverband in Sachsen-Anhalt. Er trägt damit zwar keine Verantwortung mehr in einem Unternehmen, einfach ist der Job deswegen aber nicht. In den ländlichen Regionen verzeichnen die Wohnungsunternehmen hohe Leerstände. Zillmanns Aufgabe ist es, mit den Firmen nach Lösungen zu suchen und dabei Unterstützung aus der Landes- und Bundespolitik zu organisieren. Denn zehntausende Mieter sind darauf angewiesen, dass ihre Vermieter wirtschaftlich stabil bleiben.

Hoffnungen enttäuscht

Verkalkuliert: Vor einem Jahr ist Frank Günther noch als Retter gefeiert worden.  Der Investor übernahm den Autozulieferer „Neue Halberg Guss“ mit den Werken in Leipzig und Saarbrücken. Der vormalige Eigner, die Prevent-Gruppe, hatte sich mit dem Großkunden VW angelegt und wollte das Werk in Leipzig mit 600 Mitarbeitern schließen. Der sechswöchige Streik dagegen sorgte bundesweit für mediale Aufmerksamkeit. Die neu gegründete Avir-Guss-Holding wollte es besser machen. Doch Großkunden waren am Ende  nicht bereit, sich an der Rettung zu beteiligen. Beide Standorte meldeten daher im Herbst  Insolvenz an.

Unternehmen verloren

Fremdgesteuert: Das Lebenswerk von Heinrich von Nathusius wird verkauft. Nach der Wende erwarb der Unternehmer den Autozulieferer Ifa und machte ihn zu einem weltweit führenden Anbieter von Gelenkwellen. Doch statt den Ruhestand zu genießen, kaufte er den insolventen Fahrrad-Hersteller Mifa. Die Rettung misslang und wurde ein Millionengrab. Gleichzeitig expandierte der Autozulieferer Ifa aus Haldensleben zu schnell, so dass ihm das Geld ausging. Die Banken bestimmten einen Sanierer als neuen Chef, die Familie von Nathusius musste ihre Firmenanteile an einen Treuhänder abgeben. Sie kann nur  zuschauen, wenn die Firma demnächst verkauft wird. 

Filmreifer Abgang

Unglücklich: Sein Abgang ist filmreif gewesen. Handschriftlich schrieb Björn Probst seine Kündigung auf ein Blatt Papier, stellte den Firmenwagen auf dem Betriebsgelände ab und radelte mit dem Fahrrad davon. So wird es zumindest berichtet. Für den gebürtigen Kölner, der nur eineinhalb Jahre das Landesweingut Kloster Pforta leitete, war es vielleicht eine Befreiung. Probst sollte das größte Einzelweingut an Saale und Unstrut qualitativ weiter verbessern. Gleichzeitig sollte er einen Neubau an einem neuen Standort stemmen. Doch eine Ansiedlung des Landesweingutes auf dem Klostergelände in Schulpforte bei Naumburg misslang. Der heute 44-Jährige machte sich vielleicht auch selbst zu viel Druck, seine Gesundheit spielte da jedenfalls nicht mit. Wegen einer längeren Krankheit blieben Aufgaben liegen, Entscheidungen mussten andere treffen  und seine Autorität sank. Am Ende zog Probst die Reißleine. Er will nun  anderswo einen Neuanfang machen.

Wissen  erhalten

Enttäuscht: Als der Belgier Alain Reynvoet 2016 beim Maschinenbauer Schiess in Aschersleben als Vertriebschef anfing, war er voller Optimismus. Die Traditionsfirma, die 2004 vom chinesischen Konzern SMTG gekauft worden war, stellt die weltgrößten Werkzeugmaschinen her. Reynvoet wollte die Anlagen weltweit verkaufen, doch die Krise in der Schiffs- und Windkraftbranche erschwerte das Geschäft. Als auch die Unterstützung der chinesischen Mutter ausblieb, musste Schiess Insolvenz anmelden. Von 200 Mitarbeitern sind nur noch 35 an Bord. Reynvoet arbeitete weiter mit dem Insolvenzverwalter zusammen, am Ende gelang ein Verkauf, ein Neustart ist somit möglich. 

Große Flaute

Flügellahm: Die Entscheidung dürfte Hans-Dieter Kettwig nicht leicht gefallen sein. Der Chef des Windenergie-Anlagenbauers Enercon gab Anfang November bekannt, in den kommenden Monaten 1 500 Stellen  am Produktionsstandort Magdeburg abzubauen - deutschlandweit werden 3 000 Jobs gestrichen. Lange Jahre ist Enercon Branchenführer in Deutschland gewesen, hat sich aber unzureichend auf magere Jahre vorbereitet. Künftig  soll Enercon laut Kettwig stärker für ausländische Märkte fertigen und auch dort produzieren. Für das hiesige Werk sind das keine guten Aussichten. Die einstige Stärke hat  der Windkraft-Konzern  verloren.  

Spannung steigt

Ambitioniert: Es ist eine der größten Investitionen in Sachsen-Anhalt der vergangenen 20 Jahre. Das amerikanisch-chinesische Unternehmen Farasis baut in Bitterfeld-Wolfen für  eine Milliarde Euro eine neue Batteriefabrik, die Akkus für E-Autos herstellen soll. Europa-Chef Sebastian Wolf gab zuletzt bekannt, mit  dem Autobauer Daimler bereits einen Großkunden gewonnen zu haben. 600 Mitarbeiter will Wolf in den nächsten Monaten anwerben, um die Produktion zu starten. Wie erfolgreich Farasis wird, hat Wolf nur teilweise in der Hand. Entscheidend für den Absatz wird sein, wie die Autofahrer in Europa die neuen E-Autos annehmen. Bisher ist der Absatz überschaubar. (mz)