Schocktherapie für Ostkolonie

Schocktherapie für Ostkolonie: Treuhand als Kriegserklärung an die DDR-Planwirtschaft

Halle (Saale) - Es ist ein Name, der bis heute in den meisten Familien im Osten nach Kriegserklärung klingt. Die Treuhand, im Frühling vor 30 Jahren gegründet, wurde zum Vollstrecker einer Transformation der DDR-Staatswirtschaft zur Markttauglichkeit, die Millionen Menschen den Arbeitsplatz kostete. Der in Aschersleben geborene Historiker Marcus Böick erforscht seit vielen Jahren die Tätigkeit des einst größten Unternehmens Deutschlands. Das war eigentlich eingerichtet worden, um das Volkseigentum der DDR für deren Bürgerinnen und Bürger zu bewahren. Ein Plan, der nicht aufging, wie Böick im Interview mit Steffen Könau ...

Von Steffen Könau

Es ist ein Name, der bis heute in den meisten Familien im Osten nach Kriegserklärung klingt. Die Treuhand, im Frühling vor 30 Jahren gegründet, wurde zum Vollstrecker einer Transformation der DDR-Staatswirtschaft zur Markttauglichkeit, die Millionen Menschen den Arbeitsplatz kostete. Der in Aschersleben geborene Historiker Marcus Böick erforscht seit vielen Jahren die Tätigkeit des einst größten Unternehmens Deutschlands. Das war eigentlich eingerichtet worden, um das Volkseigentum der DDR für deren Bürgerinnen und Bürger zu bewahren. Ein Plan, der nicht aufging, wie Böick im Interview mit Steffen Könau beschreibt.

Herr Böick, vor 30 Jahren wurde die Treuhand gegründet, vorgeschlagen von der Opposition. Hatten die Väter der Idee sich das so gedacht, wie es dann kam?
Marcus Böick: Ganz im Gegenteil: Die von Wolfgang Ullmann und anderen am Runden Tisch vorgeschlagene Treuhand-Stelle sollte  der Bewahrung des „Volksvermögens“ dienen. Vor allem östliche Altkader und westliche Spekulanten waren die gefürchteten Gegenspieler. Zudem hatte man an eine Verteilung des Industriebesitzes an die ostdeutsche Bevölkerung über Anteilsscheine gedacht.

Welche Unterschiede zwischen Ursprungsabsicht und Realität gab es?
Über beide ursprüngliche Grundüberlegungen – Bewahrung wie Verteilung – sollte die einigungspolitische Dynamik rasch hinweggehen. Vor allem nach der Volkskammerwahl im März 1990 standen die Zeichen auf  schnelle Vereinigung, auch auf dem wirtschaftlichen Gebiet. Die Ostdeutschen erhielten die harte D-Mark, sollten zugleich aber auch die Spielregeln der sozialen Marktwirtschaft übernehmen. Damit waren die Zeiten des Staatseigentums abgelaufen. Demzufolge standen massive Privatisierungen auf dem Programm. Die Aufgabe der Treuhand wurde dann  im Juni mit dem Treuhand-Gesetz komplett umgekehrt.

Es fanden viele Diskussionen um Alternativen statt

Wäre es anders möglich gewesen, die DDR-Planwirtschaft umzustellen?
Es wurden viele Alternativen und Möglichkeiten diskutiert, in Ost und West, von rechts und links. Reformkommunisten wie die DDR-Wirtschaftsministerin Christa Luft träumten von einer sozialistischen Marktwirtschaft. Ostdeutsche Dissidenten und westdeutsche Linke hofften auf einen „Dritten Weg“ zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Liberale Ökonomen forderten Aktienprogramme. Gewerkschaftsvertreter brachten staatliche Holding-Gesellschaften ins Spiel.  Es wurde hart gerungen, gerade auch um die Geschwindigkeit und das Ausmaß des Übergangs. Die Frage der Eigentumsverhältnisse schien hierfür ganz zentral.

Die Begegnung mit der Treuhandanstalt war für die meisten Ostdeutschen die erste  Begegnung mit dem Kapitalismus. Inwieweit hat das das Bild der Marktwirtschaft in Ostdeutschland geprägt?
Zunächst war die Hoffnung auf ein zweites deutsches Wirtschaftswunder mit blühenden Landschaften groß, wie sie vor allem die liberalen und konservativen Politiker um Helmut Kohl versprachen. Es gab zwar auch warnende Stimmen – von der Bundesbank, von Ökonomen und auch von SPD-Politikern wie Oskar Lafontaine. Aber letztlich war die Sehnsucht der Menschen nach D-Mark und westlichem Wohlstand immens groß. Die  Mehrzahl der ohnehin von der Planwirtschaft ausgelaugten Betriebe traf die Währungsumstellung dann ins Mark. Es war die Treuhand, die bald massive Betriebsschließungen und Entlassungen verkündete. Im November 1990 Interview kritisierte der frisch gewählte brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe den „finsteren Manchester-Kapitalismus“, der gerade über das Land hereinbreche. Man sieht: das Bild der Marktwirtschaft wandelt sich damit umfassend.

Die Überschichtung des Ostens durch westdeutsche Führungskräfte wirkt bis heute nach

Wie stark wirkt bis ins Heute, dass die Treuhandmanager meist aus den alten Ländern kamen?
Diese Überschichtung des Ostens durch westdeutsche Führungskräfte wirkt gehörig nach. Gerade die markante Präsenz zupackender West-Manager bei der Treuhand ist ein wichtiges Element der negativen Symbolkraft der Treuhand als einer Art feindlichen Kolonialbehörde, die den Osten zum Vorteil des Westens plattgemacht habe. Interessanterweise waren die ersten Treuhand-Manager um den Präsidenten Detlev Karsten Rohwedder noch im Herbst 1990 in vielen Betrieben  als Hoffnungsträger empfangen worden. Aber dieses positive Bild kippte bald ins komplette Gegenteil.

Die Bundesregierung, in deren Auftrag die TH ja arbeitete, kam so um viel Gegenwind herum. War das Strategie oder ein zufälliger Nebeneffekt?
Ich denke, es war eine Mischung aus beiden. Im unheimlich turbulenten Jahr 1990 wurde auf der einen Seite sehr viel improvisiert – gerade auch auf Seiten der Bundesregierung. Man fuhr da in gewisser Weise auf Sicht. Im April und Mai 1990 entstand  die Idee, die praktischen Fragen des Wirtschaftsumbaus nicht in einem Ministerium zu lösen. Sie sollten in einer weitgehend eigenständig agierenden Agentur von Experten umgesetzt werden. Dieser Abstand  entfaltete die Funktion eines Schutzschildes, wie der Treuhand-Forscher Wolfgang Seibel es beschrieben hat. Viele Treuhand-Mitarbeiter sahen sich dann auch als Sündenböcke am Pranger, während sich die Bundesregierung im fernen Bonn die Hände nicht schmutzig machen wollte.

Die Motivation der Treuhand-Manager richtete sich oft nach der sozialen Herkunft

In ihrer Beschäftigung mit dem Thema haben Sie ehemalige TH-Manager und ihre Motivation kennen lernen dürfen. Worin lag die zumeist?
Das kommt ganz auf die soziale Herkunft an. Für die älteren westdeutschen Führungskräfte um Rohwedder und seine Nachfolgerin Birgit Breuel spielte durchaus Patriotismus eine gewichtige Rolle. Viele Manager erkannten in der historisch einmaligen Aufgabe des Wirtschaftsumbaus eine unglaubliche Herausforderung, gerade in der Spätphase ihrer Karriere. Jüngeren Westdeutschen erschien die Treuhand eher als Karrieresprungbrett. Man konnte in jungen Jahren viel Geld verdienen und viel Verantwortung übernehmen. Für die ostdeutschen Treuhand-Mitarbeiterinnen, die in der Mehrzahl waren und die unteren Hierarchie-Ebenen bevölkerten, spielte zwar auch ein gewisser Idealismus eine Rolle. Aber markant war für diese Gruppe die große Furcht vor der Arbeitslosigkeit.

Waren die Treuhand-Skandale, etwa hier in Halle, Ausrutscher oder Ausdruck eines systemischen Fehlers?
Die Treuhand-Spitze hat den regionalen Niederlassungen und deren Chefs ab Herbst 1990 sehr viele Freiheiten eingeräumt. Es gab zunächst sehr wenige Kontrollen oder Vorgaben. Im Gegenteil: Man heizte von der  Zentrale aus sogar einen regelrechten Wettstreit zwischen den Standorten an, wer schneller privatisieren könne. Dieses System war natürlich fehler- und manipulationsanfällig. Von daher erwies sich  der im Jahr 1993 in Halle ans Licht gekommene Skandalfall für die Treuhand als regelrechter öffentlicher wie auch politischer Super-GAU: Führende Niederlassungsmitarbeiter hatten ihre Freiheiten für kriminelle Zwecke ausgenutzt und sich von einem schwäbischen Geschäftemacher bestechen lassen. Das schien viele Vorbehalte und Kritiker massiv zu bestärken.

Die Furcht vor einem langem Umbauprozess führte zu einem geringem finanziellen Aufwand

Schaut man sich spätere Regierungsmaßnahmen zur Stützung der Wirtschaft an, dann ist der Umbau der DDR-Wirtschaft  mit recht geringem finanziellen Aufwand vollzogen worden. Welche Gründe hatte das?
Das versteht man heute nur schwer, ohne sich noch einmal die intensiven Diskussionen in der Bundesrepublik der 1980er-Jahre zu vergegenwärtigen. Die Bundesregierung wollte weg vom bürokratischen Staat und hin zum dynamischen Markt. Nun knallte die Einigung unverhofft in diese langfristigen Bemühungen hinein. Die DDR brachte einen gigantischen Staatssektor mit über 8.500 Betrieben und vier Millionen Mitarbeitern in die Einheit ein. Als die erste Euphorie verflogen war und sich nach der Schocktherapie der Währungsunion eine dramatische Krisenstimmung breitmachte, setzte man in Bonn und Ost-Berlin auf eine rasche Beschleunigung. Als nach 1991 mit der Sowjetunion die letzte Hoffnung auf florierende Ost-Geschäfte einbrach, schien große Eile geboten. Man scheute die Kosten und befürchtete, dass ein langer Umbauprozess zu ineffizienten Resultaten führen würde. Man wollte letztlich kein zweites Ruhrgebiet im Osten.

Welche Aufarbeitung der Treuhand-Arbeit hat bis heute stattgefunden?
Es gab durchaus Versuche, sich mit kriminellen Missbrauchsfällen auseinanderzusetzen. Auf politischen und öffentlichen Druck baute die Treuhand ab Mitte 1991 auch ihre internen wie externen Kontrollmechanismen aus. Man holte sich dann sogar einen renommierten Wirtschaftsstaatsanwalt ins Haus, der Verdachtsfällen nachging. Dennoch ließen die enorme Geschwindigkeit und die Masse der Fälle kaum eine umfassende Überprüfung zu. In den Jahren 1991 und 1992 privatisierte die Treuhand bis zu 500 Betriebe pro Monat! Die offizielle Quote an Missbrauchsfällen, Ermittlungen und Verurteilungen fiel mit einem bis zwei Prozentpunkten relativ gering aus. Bis heute tobt der Streit um die Bewertung dieser Zahlen: Ist das jetzt viel oder wenig? Was war in Anbetracht der dramatischen Umbruchsprozesse in ganz Osteuropa überhaupt zu erwarten?

Das Interesse an der Geschichte in Hochschulen und Schulen wächst spürbar

Selbst in Ostdeutschland wissen junge Menschen heute allenfalls aus Erzählungen ihrer Großeltern von all diesen Ereignissen. Wieso ist das bis heute nirgendwo Schulstoff?
Das mag damit zu tun haben, das die Distanz für eine differenzierte Auseinandersetzung mit den widersprüchlichen Umbrüchen nach 1990 fehlte. Man wollte vielleicht auch die Schattenseiten der Vereinigung ein Stück weit hinter sich lassen, die Enttäuschungen vergessen. Zudem fehlte es an historischer Forschung, da die Akten noch nicht erschlossen waren. Dies ändert sich aber derzeit umfassend: Material wird zugänglich, mit dem gerade auch viele jüngere Forscherinnen arbeiten können. Und natürlich wächst im Kontext der runden Jubiläen und auch jüngster politischer Entwicklungen in Ostdeutschland das Interesse an dieser Umbruchzeit und ihrer Folgewirkungen bis in die Gegenwart. Es wird wieder intensiv und kontrovers diskutiert – zwischen Ost und West, aber gerade auch zwischen Alt und Jung. Das scheint mir sehr wichtig. Das Interesse an Schulen und Hochschulen an der Geschichte wächst spürbar. Das ist ein gutes Zeichen. (mz)