Pleite-Risiken nehmen zu

Firmen-Pleiten in Sachsen-Anhalt: Jedes zehnte Unternehmen gilt als gefährdet

Halle (Saale) - Wer hätte das gedacht? Unternehmen, an deren Spitze Frauen stehen, gehen seltener bankrott. Schwingen Männer das Zepter, ist die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns laut einer neuen Studie doppelt so ...

Von Ralf Böhme 07.03.2017, 11:00

Wer hätte das gedacht? Unternehmen, an deren Spitze Frauen stehen, gehen seltener bankrott. Schwingen Männer das Zepter, ist die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns laut einer neuen Studie doppelt so hoch.

Trotzdem, ob Maschinenbau, Gastronomie, Start up oder Zahnarztpraxis, auch 2017 ist keine Branche vor dem Niedergang gefeit. Und in Sachsen-Anhalt bleiben Firmenpleiten ganzjährig ein heißes Thema. Denn trotz insgesamt guter Konjunktur deutet nichts auf einen weiteren Rückgang der Insolvenzen hin. Das ist nicht nur die Prognose der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Auch die Stapper Insolvenz- und Zwangsverwaltung Leipzig, eine der wenigen bundesweit tätigen Kanzleien auf diesem Gebiet, warnt vor Unwägbarkeiten und Risiken.

Millionen-Forderungen offen

Mit 500 bis 600 Unternehmensinsolvenzen müsse man in Sachsen-Anhalt in diesem Jahr rechnen, so Martin Plath, Prokurist bei Creditreform in Halle. Dann müssten Forderungen im Wert von mehreren hundert Millionen Euro abgeschrieben werden. Als besonders krisenanfällig bezeichnet der Experte die vielen Kleinstunternehmen im Lande. Dabei handelt es sich um Firmen mit weniger als drei Mitarbeitern, die oftmals über keinen großen Kundenstamm verfügen. Von daher gäbe es in Sachsen-Anhalt mit seiner kleinteiligen Wirtschaftsstruktur mittlerweile einen „festen Sockel“ an jährlichen Insolvenzen, der kaum mehr abnehme.

Hinzu kommt die Tatsache, dass die meisten Firmen immer noch ohne ein reguläres Insolvenzverfahren „einfach so“ ihre Geschäftstätigkeit beenden und demzufolge in der Statistik nicht auftauchen.

Der Mangel an Eigenkapital führt in mehr als 20 Prozent der Fälle direkt ins Aus. Wichtigster Insolvenzgrund mit einem Anteil von 73 Prozent sind laut Plath aber gravierende Managementfehler. Dazu gehörten in der Hauptsache eine schlechte Arbeitsorganisation, fehlerhafte Kalkulationen und unrentable Kostenstrukturen. Und auch diese Erfahrung sei typisch für das Land: „Wenn Umstrukturierungen oder Einsparungen vorgenommen werden, sind Zulieferer und Dienstleister häufig das schwächste Glied in der Kette“, meint Plath.

Mit Blick auf die langjährige Statistik verteilen sich Insolvenzanmeldungen unterschiedlich über die Monate. Spitzenzeiten sind meistens Februar, Juni und September. Dieser Verlauf hänge auch mit Auftragsausfällen und Fristen zusammen.

Seit langem gehört Sachsen-Anhalt zu den Bundesländern mit überdurchschnittlicher Insolvenzgefahr. Experten gehen nach Bonitätsanalysen davon aus, dass sich hier mindestens jedes zehnte Unternehmen in einer finanziellen Schieflage befindet und damit ein möglicher Pleitekandidat ist. Zentren sind nach den Zahlen des Vorjahres die Städte Halle (52) und Magdeburg (68), der Harz (60), der Salzlandkreis (49) und die Börde (35). Auch niedrige Zinsen und andere günstige Kreditbedingungen mindern aktuelle Sorgen nicht. „Ändert sich die wirtschaftliche Großwetterlage, können vor allem kleine und mittlere Unternehmen in Sachsen-Anhalt darunter leiden“, warnt Christoph Alexander Jacobi von der Stapper Insolvenz- und Zwangsverwaltung. Der Jurist führt seit fast einem Jahrzehnt mitteldeutsche Firmen durch Krisen und bringt sie wieder auf Kurs.

Doch nicht nur die globale Entwicklung macht Jacobi Sorgen. Auch geplante europäische Regeln, so der Sachverständige, könnten heimische Firmen in zusätzliche Schwierigkeiten bringen.

Gemischte Gefühle

Neben verschärften Dokumentationspflichten wolle Brüssel kriselnden Unternehmen künftig außerhalb eines Insolvenzverfahrens eine Chance auf Rettung geben. Gläubiger sollen bis zu ein Jahr nicht zwangsvollstrecken dürfen. Mehr noch: „Unter Umständen müssten sie das Unternehmen sogar weiter beliefern.“ Am Ende soll dann ein Schuldenschnitt stehen – der auch gegen den Willen einzelner Gläubiger durchgesetzt werden kann.

Diese Aussicht ist für Jacobi eine Medaille mit zwei Seiten: „Was Unternehmen hilft, Flauten zu überbrücken, kann die Geschäftspartner dieses Unternehmens selbst in die Pleite treiben.“ Betroffenen Unternehmen kann der Fachanwalt für Insolvenzrecht nur raten, bei Zahlungsproblemen frühzeitig zu reagieren. „Wenn Zahlungsunfähigkeit droht, muss ein Plan B her.“

(mz)