Fachkräfte für Sachsen-Anhalt

Fachkräfte für Sachsen-Anhalt: Willingmann muss in Vietnam Hürden überwinden

Der Termin im Volkskomitee ist vorüber, jetzt machen sich die Kommunisten locker. Im Restaurant lassen die Vietnamesen die Gläser kreisen, ihren deutschen Gästen bieten sie Ginseng-Schnaps an. Auf dem Tisch steht Gemüsesuppe, Qualle, Fisch. Besonders gut gelaunt zeigt sich der Provinzchef dieser Küstenregion Binh Dinh - denn er hat hohen ...

Von Jan Schumann 25.11.2019, 07:00

Der Termin im Volkskomitee ist vorüber, jetzt machen sich die Kommunisten locker. Im Restaurant lassen die Vietnamesen die Gläser kreisen, ihren deutschen Gästen bieten sie Ginseng-Schnaps an. Auf dem Tisch steht Gemüsesuppe, Qualle, Fisch. Besonders gut gelaunt zeigt sich der Provinzchef dieser Küstenregion Binh Dinh - denn er hat hohen Besuch.

Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) ist in die Sozialistische Republik Vietnam gereist, ihn begleitet eine hochkarätige Delegation von 30 Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft. In der Küstenstadt Quy Nhon stand ein erstes Abtasten mit der regionalen Parteispitze an. Der Schnaps danach? Gewöhnungssache. Und ein scharfer Kontrast zum sonst eher steifen Umgang der Kommunisten.

Willingmann ist ein Mann auf der Suche, sie führt ihn aktuell eine Woche nach Vietnam. Denn Sachsen-Anhalt gehen die Fachkräfte aus, langsam aber sicher. Das Personal fehlt an Krankenbetten, an Schleifmaschinen, in Hotelküchen, eigentlich überall. Die Warnungen der Wirtschaft sind ja nicht neu. Aber jetzt wird es ernst. Erst vor wenigen Tagen prognostizierten die Arbeitsagenturen im Land, dass die Zahl der Sachsen-Anhalter mit Job wieder zurückgeht. Der einfache Grund: Die Alten gehen in Rente und es kommen zu wenig Junge nach. Man kann sich die Azubis aber nicht backen, sagen die Handwerksmeister. Was kann man dann tun?

Drei Hoffnungen

Lösungen sucht Willingmann in Vietnam, drei Hoffnungen setzt er in das sozialistische Land. Zum einen die guten Kontakte aus DDR-Zeiten, die bis heute halten. Zum anderen die Jugendlichkeit des Landes, in dem etwa die Hälfte der Bevölkerung unter 30 Jahre alt ist. Und zum dritten das Wirtschaftswachstum Vietnams, das es zu einem zunehmend wichtigen Partner für Deutschland machen könnte. „Das ist ein Schatz, den man heben muss“, sagt Minister Willingmann. „Was wir im Grunde wollen, ist eine Art Brain Drain“, also den Abzug von Fachkräften, fügt er hinzu. „Wir versuchen, die Vietnamesen auf dieser Reise davon zu überzeugen, dass das im beiderseitigen Interesse ist.“

Denn was Sachsen-Anhalt bieten kann, ist Expertenwissen - etwa für Berufsschulen und Unis. „Als Minister kann man da mehr Türen öffnen. Die Wirtschaft läuft in Vietnam über Partei und Politik. Wenn der Minister dabei ist, sind die Zugänge leichter.“ Warum nicht Europa? „Die Fachkräfteakquise funktioniert hier nicht mehr“, sagt Willingmann. „Die EU-Staaten haben alle eine ähnliche Alterspyramide.“

Eine Lösung könnte im früheren Saigon liegen, das heute Ho-Chi-Minh-Stadt heißt und sieben Millionen Einwohner hat. 2017 wurde hier das „Deutsche Haus“ fertiggebaut, ein 25-Etagen-Kolloss aus Glas und Stahl und eine Art Zentrale der deutschen Wirtschaft in einem der pulsierenden Zentren Vietnams. Dort schmieden sie bereits Pläne: In den kommenden Jahren soll eine Berufsschule entstehen, in der bis zu 600 vietnamesische Azubis lernen - nach deutschem Ausbildungsstandard. Das Besondere: Die Lehrlinge, darunter dringend gesuchte Handwerker wie Mechatroniker und Zerspanungstechniker, sollen ihre letzten Ausbildungsjahre in Deutschland verbringen. Zuvor absolvieren sie zu Hause Theorie und Deutschkurse. Geht der Plan auf, sollen drei von vier dieser vietnamesischen Azubis später in Deutschland bleiben und arbeiten. Willingmann unterschreibt im „Deutschen Haus“ eine Absichtserklärung. Sachsen-Anhalt soll dabei sein, wenn das Projekt reif ist.

Ob dieses und ähnliche Projekte Zukunft haben, wollen auch Sachsen-Anhalts Wirtschaftsexperten wissen. Die Handwerkskammer-Präsidenten aus Halle und Magdeburg reisen mit Willingmann, auch die beiden Industrie- und Handelskammern (IHK) sind dabei. „Hier gibt es ein so großes Potenzial an jungen Menschen, davon können sowohl Vietnam als auch Deutschland profitieren“, sagt Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg. „Es muss auch darum gehen, den jungen Leuten Karrieren außerhalb der akademischen Welt schmackhaft zu machen.“

Das ist in Vietnam ein Problem für die Wirtschaft: Es gibt im Ein-Parteien-Staat so gut wie keine Arbeitslosigkeit, etwa die Hälfte der Arbeiter geht nach Schätzungen ohne Ausbildung in den Beruf. Wer wohlhabende Eltern hat und etwas werden will, wird auf die teuren Unis geschickt.

Einige Berufsschulen, die bereits mit Millionen von der Bundesregierung gefördert werden, wollen dies ändern. Etwa jenes Berufsschulzentrum in der Küstenstadt Quy Nhon, das Willingmanns Tross besucht. Hier werden bereits 250 Mechatroniker, 150 Elektriker und andere Azubis nach deutschem Standard ausgebildet. „Die würde ich sofort in deutsche Betriebe bei uns übernehmen“, sagt Magdeburgs IHK-Präsident Klaus Olbricht beim Werkstattbesuch. Je größer die Marke „Made in Germany“ in Vietnam wird, desto mehr hilft es letztlich auch Sachsen-Anhalt, so das Kalkül der Experten.

„Wir müssen aber auch ehrlich sein“, sagt Daniela Scheetz, Generalkonsulin in Ho-Chi-Minh-Stadt über die neuesten Avancen aus Sachsen-Anhalt. „Das ist nicht das erste Mal, dass das in Vietnam gehört wird. Es waren auch schon andere da.“

Zum Beispiel Sachsen und Thüringen. Dessen Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) karrte eine Delegation mit mehr als 100 Leuten in das Land, das heute noch mit billigen Produktionskosten lockt, aber trotzdem vielen bereits als ein aufgehender Stern in Asien gilt. Obwohl der zerstörerische Krieg mit den USA erst vier Jahrzehnte zurückliegt. Auch Investoren in Taiwan und Australien haben längst ein Auge auf den sozialistischen Staat geworfen - auch in den USA sind einige wieder in Goldgräberstimmung. Dabei ist Vietnam weiter ein weitgehend armes Land.

Jetzt kommt also Sachsen-Anhalt, als eines von vielen Ländern. Immerhin: Zahlreiche Vietnamesen haben heute immer noch gute Erinnerungen an die Verbrüderung zu DDR-Zeiten. „Die Beziehung ist sehr in die Tiefe gegangen“, sagt Phoung Lan, „vor allem durch die Vertragsarbeiter und weil die DDR so viele Vietnamesen ausgebildet hat.“ Sie studierte von 1979 bis 1985 selbst in Leipzig, leitet heute eine Bankfiliale in Ho-Chi-Minh-Stadt. „Viele Vietnamesen haben sich in der DDR Tugenden wie Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Genauigkeit angewöhnt“, sagt sie. „Viele von ihnen sind später in Vietnam Führungspersönlichkeiten geworden.“ Tatsächlich sind die Verbindungen nach Deutschland immer noch so eng, dass Phoung Lan selbst regelmäßig ins Flugzeug nach Mitteldeutschland steigt. 2010 kam sie nach Halle, besuchte die Händelfestspiele.

Konkrete Projekte

Bis Mittwoch ist Willingmann noch auf Reisen - dann wird er auch mehrere Hochschulen in Vietnam und schließlich Singapur besucht haben. Auch in der Wissenschaft hofft er auf neue Kooperationen - eine hat er bereits besiegelt. Die Hochschule Anhalt arbeitet ab 2020 mit der Deutsch-Vietnamesischen Universität in Ho-Chi-Minh-Stadt zusammen und exportiert ihren Dessauer Architektur-Bachelorstudiengang. Über fünf Jahre hinweg wird sie dafür Dozenten entsenden.

Deutlich länger wird es dauern, bis das Buhlen um Fachkräfte erfolgreich sein könnte. Erste Bande sind nun geknüpft mit Volkskomitees und Berufsschulen. Zahlt sich der Aufwand wirklich aus? Der Ausgang ist offen.