Preiswirrwarr

Elektronische Preisschilder im Supermarkt: Verbraucherschützer warnen

Halle (Saale) - Elektronische Preisschilder in Supermärkten könnten die transparenten Lebensmittelpreise durcheinanderbringen, warnen Verbraucherschützer.

26.04.2017, 10:45

Woher kommen die digitalen Preisschilder? Vorreiter bei den elektronischen Etiketten - oder Electronic Shelf Labels - waren in Deutschland die Elektronikmärkte Media Markt und Saturn. Sie führten die Schilder 2014 ein, um schnell auf Veränderungen von Angebot und Nachfrage zu reagieren und mit der Preisflexibilität des Onlinehandels mitzuhalten.

Lebensmitteleinzelhandel greift Trend zu elektronischen Preisschildern auf

Der Lebensmitteleinzelhandel hat den Trend aufgegriffen. Genaue Zahlen zur Verbreitung der digitalen Preisschilder liegen dem Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels zwar nicht vor. Einer Studie des Handelsforschungsinstituts EHI zufolge kommen sie aber immer häufiger zum Einsatz: 40 Prozent der 92 befragten Unternehmen nutzen die Schilder bereits oder wollen sie einführen.

Was erhoffen sich die Supermärkte von der Neuerung? Die Preise zu ändern, war für Supermärkte bisher relativ aufwendig, besonders bei Angebotsaktionen. Mitarbeiter mussten neue Papieretiketten drucken und austauschen. Das führte häufig zu falschen Preisauszeichnungen, sagt Gerrit Kahl vom Labor für Innovativen Einzelhandel (IRL). Die Preise auf den digitalen Schildern können nun mit wenigen Klicks angepasst werden. Das spart Personal-, Material- und Druckkosten. Die Supermärkte können außerdem flexibler reagieren und verderbliche Waren wie Obst und Gemüse vor Ladenschluss günstiger verkaufen.

Elektronische Preisschilder sind für Discounter noch nicht attraktiv

Wer nutzt die digitalen Schilder? Bisher setzen vor allem große Lebensmittelhändler auf elektronische Etiketten, sagt Sascha Berens, Fachmann für E-Commerce am EHI. Aufgrund ihres umfangreichen Sortiments und der häufigen Rabattaktionen sind die Schilder für sie besonders attraktiv. Für Discounter allerdings noch nicht: Sie führen weniger Produkte und die Preise bleiben stabiler. Langfristig werden sich die digitalen Etiketten aber „noch stärker im Markt etablieren“, glaubt Berens.

Welche Risiken sehen Verbraucherschützer? Die Verbraucherzentrale Hamburg fürchtet, dass mit den digitalen Preisschildern sogenannte Flatterpreise zur Regel werden. Supermärkte könnten Verderbliches nicht nur günstiger machen, sondern Preise auch per Knopfdruck erhöhen. Wer sich etwa kurz vor einem Fußballspiel mit Bier und Chips eindecken will, muss möglicherweise bald mehr zahlen als ein Kunde, der morgens eingekauft hat. Auch die Preistransparenz steht für die Verbraucherschützer auf dem Spiel. Bei ständig wechselnden Preisen könnten Verbraucher die Angebote verschiedener Händler nicht mehr sinnvoll vergleichen. Überhöhte Preise seien dann nur noch schwer zu erkennen.

Verbraucher müssen in Zukunft an der Kasse also noch aufmerksamer sein

Was passiert, wenn der Preis auf dem digitalen Etikett zwischen Regal und Kasse steigt? Hier gilt dasselbe wie bei Papieretiketten: Der Händler gibt durch die Preisauszeichnung kein rechtsverbindliches Angebot ab. Erst wenn sich Händler und Käufer an der Kasse einig sind, kommt der Kauf zustande. Verbraucher müssten in Zukunft an der Kasse also noch aufmerksamer sein, welcher Preis berechnet wird, kritisiert die Verbraucherzentrale Hamburg.

Inwiefern sind diese Ängste begründet? „Elektronische Etiketten bieten viele Möglichkeiten für kurzfristige Preisänderungen“, sagt E-Commerce-Experte Berens. Supermärkte könnten etwa auf gutes Wetter reagieren und das Grillfleisch verteuern. Diese Möglichkeiten würden bisher aber „nicht so gelebt und sind von den Händlern so auch nicht geplant“. Auch Kahl vom IRL rechnet nicht damit, dass Flatterpreise im Supermarkt bald Realität werden. Verbraucher in Deutschland seien sehr preisbewusst. „Durch Experimente mit schwankenden Preisen schrecken Supermärkte ihre Kunden eher ab.“ Gerade im Lebensmittelhandel sei aber die Kundenbindung besonders wichtig. (afp)