Ein Dorf wehrt sich

Ein Dorf wehrt sich: Pödelwitz soll der Braunkohle weichen - und holt sich Hilfe

Pödelwitz - Tische und Verkaufsstände werden aufgebaut, die Träger eines großen Festzeltes fest im Boden verankert. Im kleinen Dorf Pödelwitz bei Leipzig herrscht jetzt schon so viel Leben wie seit Jahren nicht.

Von Steffen Höhne 25.07.2018, 19:14

Tische und Verkaufsstände werden aufgebaut, die Träger eines großen Festzeltes fest im Boden verankert. Im kleinen Dorf Pödelwitz bei Leipzig herrscht jetzt schon so viel Leben wie seit Jahren nicht.

Am Wochenende werden in dem Ort, in dem es mehr leere als bewohnte Häuser gibt, mehr als 1000 Teilnehmer zum ersten Klima-Camp im Leipziger Land erwartet.

„Im vergangenen Jahr haben wir mit verschiedenen Umweltgruppen Kontakt aufgenommen, ob sie nicht bei uns ein Treffen veranstalten wollen“, sagt Jens Hausner von der Initiative „Pro Pödelwitz“.

Von 130 Pödelwitzern sind nur noch 30 übrig

Pödelwitz: Ein Dorfplatz mit großen Kastanien und einem Kriegsdenkmal. Fachwerkhäuser und alte Bauernhäuser stehen in dem 700 Jahre alten Dorf.

Bis vor wenigen Jahren lebten dort etwa 130 Menschen, heute sind es noch etwa 30. Keine 100 Meter hinter dem Dorf befindet sich bereits die Abbruchkante vom Braunkohle-Tagebau Vereinigtes Schleenhain.

„Ich lasse mich von hier nicht vertreiben“, sagt Hausner. Gegen die Abbaggerung des Dorfes für die Erweiterung des Tagebaus des Kohle-Unternehmens Mibrag aus Zeitz im Burgenlandkreis sucht er Verbündete.

Den Tagebau zu erweitern, sei aus klimapolitischer Sicht total aus der Zeit gefallen, meinen Hausner und Klima-Camp-Sprecher Florian Teller. Während des Camps soll auch darüber diskutiert werden, wie ein schnellstmöglicher Ausstieg aus der Braunkohle gelingen kann, der nicht zu Lasten der Menschen aus der Region oder der Beschäftigten geht.

Mibrag ist zum Klima-Camp nicht eingeladen

Die Kohlegegner verweisen darauf, dass es nach dem Abriss des Ortes Heuersdorf ab 2006 und der Nutzung der dortigen Braunkohle bei den Behörden hieß, der Betrieb des Kraftwerkes Lippendorf, das täglich mit bis zu 35.000 Tonnen Kohle gefüttert werden muss, sei bis 2040 gesichert.

Im Braunkohleplan ist Pödelwitz auch nicht als Abbaugebiet vorgesehen. Mit der Mibrag darüber diskutieren wollen die Camp-Organisatoren aber nicht. Vom Braunkohleförderer wurde niemand eingeladen.

Unternehmenschef Armin Eichholz hat auch eine ganz andere Sicht. Nach seinen Worten sahen die ursprünglichen Pläne der Mibrag einen Erhalt des Dorfes vor. Zuerst seien Pödelwitzer auf die Mibrag zugekommen, die nicht wenige Meter vom Tagebau mit Schmutz und Lärm leben wollten.

„Nach dreijähriger moderierter Diskussion haben sich 90 Prozent der Einwohner für eine Umsiedlung entschieden“, sagt Eichholz. Nur wenige wollten bleiben. Die Mibrag machte den Pödelwitzern den Umzug schmackhaft. Sie erhielten für Haus und Grund den Verkehrswert plus 75.000 Euro extra. Von der Abbaggerung der Kohle will Eichholz nun nicht mehr abrücken. „Wir benötigen die Kohle zur sicheren Versorgung des Kraftwerkes.“

Ist der Kohlestrom überhaupt noch nötig?

Doch wie lange ist Kohlestrom noch gefragt? Im ersten Halbjahr 2018 produzierten Öko-Energien in Deutschland erstmals mehr Strom als Kohlekraftwerke. Auch der Mibrag-Chef räumt ein, dass mit dem Ausbau der Erneuerbaren der Kohle-Anteil sinken wird. Eichholz sieht die Braunkohle für die nächsten zwei Jahrzehnte allerdings als unverzichtbar an.

„Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, benötigt Deutschland dennoch eine verlässliche Energieversorgung.“ Nach dem Atomausstieg 2022 werde vor allem Kohle das sicherstellen. Schon jetzt seien am Energiemarkt steigende Strompreise und eine rege Nachfrage festzustellen. Unerwähnt lässt Eichholz freilich, dass auch die Gas-Unternehmen gerne die Energie-Lücke füllen wollen.

Zudem ist die Energie-Diskussion in der Gesellschaft stark von politischen Einstellungen geprägt. So erklärte der ehemalige Pfarrer der Leipziger Thomaskirche, Christian Wolff, am Mittwoch auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: „Kein Ort darf mehr in Deutschland für eine Energiegewinnung von gestern abgebaggert werden!“

Pro-Pödelwitz-Initiator Hausner ist über solche Unterstützung froh. Er will ein breites Bündnis schmieden: „Ein Kampf gegen die Braunkohle ist auch einer für Pödelwitz.“ (mz)