Eil

25 Millionen Menschen pro Jahr

25 Millionen Menschen pro Jahr: Notdienste in Deutschland sind überlastet

Berlin - Situationen wie diese kennt jeder: Man wacht am Morgen mit Fieber und Halsschmerzen auf. Ein Kind fällt von der Schaukel und holt sich blutige Knie. Beim Kicken im Park knickt ein Spieler um, der Knöchel schwillt. Normalerweise sollte man in solchen Fällen den nächsten niedergelassenen Arzt aufsuchen – sofern der gerade Sprechstunde hat. Viele Patienten steuern aber gezielt die Notaufnahmen der Krankenhäuser an. Dort sind die Wartezimmer oft auch tagsüber und unter der Woche voll, das Personal häufig ...

Von Thorsten Knuf 06.09.2016, 14:12
Mitarbeiter eines Rettungsdienstes in einer Notaufnahme-Station (Symbolbild)
Mitarbeiter eines Rettungsdienstes in einer Notaufnahme-Station (Symbolbild) dpa

Situationen wie diese kennt jeder: Man wacht am Morgen mit Fieber und Halsschmerzen auf. Ein Kind fällt von der Schaukel und holt sich blutige Knie. Beim Kicken im Park knickt ein Spieler um, der Knöchel schwillt. Normalerweise sollte man in solchen Fällen den nächsten niedergelassenen Arzt aufsuchen – sofern der gerade Sprechstunde hat. Viele Patienten steuern aber gezielt die Notaufnahmen der Krankenhäuser an. Dort sind die Wartezimmer oft auch tagsüber und unter der Woche voll, das Personal häufig überlastet.

Bis zu 25 Millionen Menschen werden in Deutschland pro Jahr in den Notaufnahmen der Kliniken versorgt – mit steigender Tendenz, wie der Ersatzkassenverband VDEK am Dienstag betonte. Doch viel zu oft würden dort Personen mit Bagatellerkrankungen vorstellig. „Nach Aussagen von Fachgesellschaften könnten ein Drittel der Patienten bedenkenlos im niedergelassenen Bereich behandelt werden, gehören also nicht ins Krankenhaus“, so der Verband. Der Ansturm auf die Ambulanzen kann auch dazu führen, dass Schwerverletzte oder ernsthaft erkrankte Menschen nicht schnell genug versorgt werden.

Ausgehend von diesem Befund haben sich die VDEK-Fachleute Gedanken darüber gemacht, wie Versorgung in der ambulanten Notfallmedizin in Deutschland insgesamt verbessert werden könnte. Sie gaben dafür auch ein Gutachten bei Göttinger AQUA-Institut in Auftrag, das auf Fragen der Qualitätsförderung im Gesundheitswesen spezialisiert ist.

Verzahnung von Notdiensten müssten besser verknüpft werden

Um die Notaufnahmen zu entlasten, müssten der ambulante und der stationäre Notdienst besser verzahnt werden, fordert der VDEK. Er plädiert dafür, an allen 1.600 Krankenhäusern im Land so genannte „Portalpraxen“ einzurichten. Sie sollen rund um die Uhr geöffnet und aus einer festen Anlaufstelle für richtige Notfälle sowie aus einer ambulanten Notdienstpraxis am Krankenhaus bestehen.

„In der Anlaufstelle soll eine rasche Erstbegutachtung der Patienten vorgenommen und er Behandlungsbedarf eingeschätzt werden“, fordert der Verband. Die Stelle soll die Patienten dann entweder in die niedergelassene Arztpraxis außerhalb des Krankenhauses (während der Sprechstunden) oder in die ambulante Notdienstpraxis im Krankenhaus (außerhalb der allgemeinen Sprechstunden) beziehungsweise in die Notaufnahme der Klinik weiterleiten. Organisieren sollen die Portalpraxen die Kassenärztlichen Vereinigungen.

Bessere Qualifikation des Personals gefordert

Die Ersatzkassen fordern auch eine bessere Qualifikation des Personals, das in der Notfallversorgung tätig ist. Das müsse insbesondere für die nichtärztlichen Mitarbeiter gelten, die die Schwere der Erkrankung einschätzen und die Patienten weiterleiten sollen.

„Wir brauchen transparentere Strukturen in der Notfallversorgung“, sagte VDEK-Chefin Ulrike Elsner am Dienstag. „Unser Ziel muss es sein, die Patientinnen und Patienten in den richtigen Behandlungspfad zu lotsen.“ Die Deutsche Stiftung Patientenschutz konterte, dass nicht allein die Patienten für die Überfüllung der Ambulanzen verantwortlich seien. Die Kassenärzte würden ihrem Sicherstellungsauftrag nicht mehr gerecht. So gebe es immer weniger Hausärzte, die ihre Patienten tatsächlich zu Hause aufsuchen.