Rechtsextremismus, Politik, Kultur

Pegida, AfD, Politik, Kultur: Wie viel Osteutschland steckt im Westen?

Berlin - Welchen Einfluss haben die neuen Bundesländer 25 Jahre nach der Wende auf das wiedervereinigte Deutschland? Wie viel Osten steckt im Westen?

Von Markus Decker 02.11.2016, 18:27
Wie viel Osten steckt im Westen? Dieser Frage ging eine Podiumsdiskussion der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur auf den Grund.
Wie viel Osten steckt im Westen? Dieser Frage ging eine Podiumsdiskussion der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur auf den Grund. imago stock&people

Welchen Einfluss haben die neuen Bundesländer 25 Jahre nach der Wende auf das wiedervereinigte Deutschland? Wie viel Osten steckt im Westen?

Dieser Frage ging die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur am vergangenen Dienstag in einer Podiumsdiskussion auf den Grund, an der zahlreiche Experten aus Medien und Politik teilnahmen.

Bereits in seiner Begrüßung brachte Dr. Robert Grünbaum, der stellvertrende Geschäftsführer der Stiftung, auf den Punkt, was im Saal vermutlich Konsens war: "Die Vergangenheit der DDR ist noch längst nicht Geschichte.“

Weniger Konsens herrschte am Dienstagabend jedoch hinsichtlich der Ausgangsfrage, welchen Einfluss der Osten auf das wiedervereinigte Deutschland habe.

Ähnliche Probleme, unterschiedliche Proteste

Zunächst drehte sich die Debatte um einen Aspekt, der seit Monaten die Ost-West-Debatte überlagert – ob Deutschland durch den Osten im Zeichen von AfD und Pegida politisch rechter geworden sei.

Die junge ostdeutsche Sozialwissenschaftlerin Bianca Ely beklagte jedenfalls die überproportionale rassistische Gewalt und die mangelnde Akzeptanz von Vielfalt in den neuen Ländern.

Die Autorin Jana Simon, Enkelin von Christa Wolf, widersprach dem. Sie habe monatelang AfD-Veranstaltungen in Ost wie West besucht und dabei festgestellt, dass deren Besucher hier wie dort ähnliche Probleme hätten.

Der Unterschied sei lediglich, dass der rechtspopulistische Protest im Osten auf Straßen und Plätzen stattfinde und im Westen in geschlossenen Räumen. Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels, mutmaßte daraufhin, im Westen spiele womöglich noch stärker eine Rolle, was die Nachbarn dächten.

Überdies sei Deutschland insgesamt nicht rechter geworden, glaubt er. Dafür seien Rechtspopulismus und -extremismus sichtbarer als früher.

Ostdeutschland nun häufiger Taktgeber

In welchem Maße der Osten das vereinigte Deutschland prägt, statt sich stets einseitig vom Westen prägen lassen zu müssen, wurde im Verlauf der Diskussion bloß angetippt.

Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), einst Ostbeauftragter der Bundesregierung, sagte, nach 1989 habe es eine lang andauernde Phase der Verwestlichung des Ostens gegeben, begleitet von einem Gefühl der Verunsicherung und Bedrohung bei vielen Betroffenen.

Heute sieht er indes ein Roll Back, das heißt mehr Austausch, Befruchtung und Durchmischung. Außerdem gebe der Osten nun häufiger einmal den Takt vor, fuhr Leipzigs langjähriger Oberbürgermeister fort – so bei der Auffächerung des Parteiensystems um Linke und AfD, bei der nachlassenden Verwurzelung von Parteien in der Gesellschaft sowie bei der demografischen Entwicklung.

Jana Simon widersprach jedoch der These, dass es mehr Austausch und Vermischung gebe; schließlich sei der ohnehin geringe Anteil der Ostdeutschen an den Eliten teilweise sogar wieder rückläufig.

Sie wies jedoch darauf hin, dass die Ostdeutschen in der Welt von Kunst und Kultur zunehmend dominierten. Auch bei der Erwerbstätigkeit von Frauen sei der Osten beispielgebend.

Der Erfolg des Aufsteigers RB Leipzig in der ersten Fußball-Bundesliga blieb in der Runde ebenfalls nicht unerwähnt. Die Mannschaft mit dem österreichischen Sponsor rangiert auf dem zweiten Platz hinter Bayern München – ein für den Osten völlig unbekanntes Gefühl.

Prognose bewahrheitet sich

Unterdessen wurde von Teilen des Podiums bezweifelt, ob die Frage, wer wen dominiere, überhaupt noch sinnvoll sei. Maroldt fand, Ost und West definierten sich zu sehr über ihre Unterschiede. Das sei falsch.

Tiefensee zitierte den berühmten Satz des Altkanzlers Willy Brandt „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“, und setzte den Akzent auf die Zukunft – also auf das „zusammen Wachsen“ im Sinne der gemeinsamen Bewältigung künftiger Herausforderungen. Darauf müsse man die Aufmerksamkeit lenken.

Robert Grünbaum von der Bundesstiftung Aufarbeitung hatte zuvor an die Prognose von 1990 erinnert, der zufolge Gesamtdeutschland östlicher, protestantischer und linker werde.

Mit Blick auf die ostdeutsch-protestantische Kanzlerin Angela Merkel, den ostdeutsch-protestantischen Bundespräsidenten Joachim Gauck und die längst gesamtdeutsche (und aus der PDS hervorgegangene) Linke sei die Prognose so falsch nicht gewesen, sagte er.