Erinnerungen in Farbe

Erinnerungen in Farbe: Moritz Götze gestaltet Titelbild der Mauerfall-Sonderausgabe

Die Sektflasche musste natürlich sein, denn Sekt wurde viel getrunken in jenen Tagen. Und ein Fernseher, klar. Der war wichtig. Dazu ein gestürztes Lenin-Denkmal. Es liegt in diesem Fall neben Fortunas Füllhorn, aus dem sich ganz offensichtlich „blühende Landschaften“ ergießen. Und von hinten rollt der typisch-himmelblaue Trabant heran, wie er in dieser turbulenten Zeit noch die Straßen mit prägte. So einen hatte Moritz Götze damals ...

Von Antonie Städter 07.11.2014, 15:25

Die Sektflasche musste natürlich sein, denn Sekt wurde viel getrunken in jenen Tagen. Und ein Fernseher, klar. Der war wichtig. Dazu ein gestürztes Lenin-Denkmal. Es liegt in diesem Fall neben Fortunas Füllhorn, aus dem sich ganz offensichtlich „blühende Landschaften“ ergießen. Und von hinten rollt der typisch-himmelblaue Trabant heran, wie er in dieser turbulenten Zeit noch die Straßen mit prägte. So einen hatte Moritz Götze damals auch.

Der bekannte hallesche Maler hat das Titelbild für diese Sonderausgabe der MZ gestaltet. Ein Bild, mit dem er zurückblickt auf die Tage um den 9. November 1989. Und damit natürlich auch auf diese Mauer, „die etwas Unwirkliches hat“, wie er findet. Wäre da nicht dieser Spalt, der Geteiltes wieder verbindet, die Mauer würde fast unüberwindbar erscheinen in Moritz Götzes bildgewordenen Erinnerungen, die er in einer Mischtechnik aus Buntstift und Ölfarbe angefertigt hat.

Dieser Text gehört zu einer Sonderausgabe, die die Mitteldeutsche Zeitung zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls am 9. November veröffentlicht. Übrigens die erste Sonntagsausgabe in der Geschichte der MZ. Abonnenten finden die Sonderausgabe mit Reportagen, Analysen, Porträts und Interviews am Sonntag in ihrem Briefkasten.

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Der 50-Jährige erinnert sich noch sehr lebhaft an die Zeit vor der Öffnung und jenes „komische Gefühl, wenn man in Berlin im Baumschulenweg vor dieser Mauer stand und die Häuser im Westen sah“. Denn, so der Maler und Grafiker, dessen runder Geburtstag in Halle derzeit mit gleich zwei Ausstellungen, im Landeskunstmuseum Moritzburg sowie im Kunstforum der Sparkasse, gefeiert wird: „Die waren so nah - und doch unerreichbar.“

„Für mich ist es ein Privileg, dass ich in der DDR aufgewachsen bin“

Damals. Moritz Götze war 25 Jahre alt, als die Mauer fiel. Seither sind 25 Jahre vergangen. Zwei Leben in einem. Eines in der DDR, eines im Osten Deutschlands. Er gehört zur „Generation Mauer“, wie sie die Autorin Ines Geipel in ihrem gleichnamigen und viel beachteten Buch porträtiert hat. „Für mich ist es ein Privileg, dass ich in der DDR aufgewachsen bin - mit all den Schwierigkeiten, die man überstanden hat“, sagt Götze heute. „Das hat einen geprägt, geformt und Beziehungen gefestigt.“

Der aus einer Künstlerfamilie stammende Maler und Grafiker, dessen Vater, Wasja Götze, in der DDR-Gegenkultur aktiv und zeitweise mit einem Ausstellungsverbot belegt war, hat es schon immer gemocht, seinen Standpunkt klar zu vertreten. In den 80er Jahren fand der gelernte Möbeltischler seine Form der Rebellion als Musiker in Punk-Bands und organisierte entsprechende Konzerte. Mit 20 wollte er weg aus der DDR, stellte einen Ausreiseantrag. Den er allerdings stoppte, als er Grita kennenlernte - seine spätere Frau, eine Keramikerin.

Einberufungsbefehl kommt

In den letzten Tagen der DDR war ihr zweites Kind gerade erst - im Oktober 1989 - geboren, Götze betrieb eine Siebdruckwerkstatt in dem Haus, das sie sich gekauft hatten. „An sich ging es mir ganz gut“, sagt er rückblickend. Doch natürlich: „Die politische Situation hat einen angeödet und beschäftigt.“ Götze hatte in diesen Tagen einen Einberufungsbefehl bekommen. Im November sollte er zur Armee. Um dem zu entgehen, lässt er sich von einem befreundeten Arzt in ein Krankenhaus einweisen.

Doch noch etwas treibt ihn um in dieser Zeit: „Man hatte das Gefühl, Heimat zu verlieren.“ Einerseits weil überall Häuserwände bröckelten „und man wusste, dass das alles in einigen Jahren nicht mehr so steht“. Andererseits weil mit der Ausreisewelle der Freundeskreis schrumpft. „Mein Elternhaus war immer voll mit Leuten - aber nun wurden es immer weniger“, erinnert er sich.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Moritz Götze am 10. November 1989 - ein Tag nach dem Mauerfall - gemacht hat.

Von dem Abend, der alles verändern sollte, erfährt Moritz Götze - weil ohne Fernseher - erst am Morgen danach. Noch am selben Tag macht er sich mit einem Freund im Trabi auf nach Niedersachsen, wo eine Künstlerfreundin wohnt. „Die Landstraße war voll - aber nur in eine Richtung. Und 30 Kilometer vor Marienborn standen wir im Stau“, erzählt er rückblickend. „Die Stimmung: sehr euphorisch und heiter.“

Von Niedersachsen aus geht es für die zwei Freunde weiter zu Bekannten, die in den letzten Wochen der DDR ausgereist waren. Zunächst nach Hamburg.

„Die Clubs, die Musik: Ich hatte mir das damals wie eine Art Venedig und Las Vegas hoch fünf vorgestellt - mit Love Parade rund um die Uhr“, erzählt der Künstler amüsiert. So war es dann natürlich nicht. Wie manch anderes auch nicht.

Das Haus der Götzes war fortan „immer voll“, wie sich der Künstler erinnert. „Wir waren gewissermaßen eine Anlaufstelle für Leute, die besuchsweise in den Osten zurückkamen - und auch für Leute aus dem Westen, die mal sehen wollten, wie das hier so ist.“

Gefeierter Künstler

Er selbst fasst mit seiner Grafikwerkstatt Fuß in der neuen Lebenswelt, bekommt Anfang der 90er Jahre einen Lehrauftrag für Serigraphie an der halleschen Kunsthochschule Burg Giebichenstein. 1994 geht Moritz Götze als Gastprofessor an die École Nationale Supérieure des Beaux Arts in Paris, kehrt aber schon bald nach Halle zurück. Nach und nach nimmt die Malerei für den Kunst-Autodidakten eine immer wichtigere Rolle ein.

Heute, zahlreiche Ausstellungen und noch mehr farbgewaltige Bilder später, ist Moritz Götze ein gefeierter Künstler - in ganz Deutschland und darüber hinaus. Seine an Comic und Pop Art angelehnten, meist sehr farbigen Arbeiten, mit denen er gern Werke der Kunstgeschichte in neue Zusammenhänge stellt, sind bei Sammlern gefragt. Bilder von ihm sind unter anderem im Messehaus Specks Hof in Leipzig sowie im Bundeswirtschaftsministerium zu sehen - in diesen Fällen als große Wandgestaltungen aus Keramik und Emaille.

Erinnerungen verblassen

In seinem Atelier stehen derzeit hohe Holzwände. Daran hängen die Entwürfe für das Großprojekt, an dem Moritz Götze aktuell arbeitet: Er gestaltet die Wände im Innenraum der Schlosskirche St. Ägidien in Bernburg. Wobei erneut farbenfroh bemalte Emaille-Platten zum Einsatz kommen. „Ich erarbeite die Vorlagen auf Papier, übertrage sie dann auf Blech. Das wird schließlich in drei Brenngängen emailliert“, erklärt er die Technik. Das Deckengewölbe mit Sternenhimmel, umgeben von orangefarbenen Wolken, ist fertig. Nun arbeitet er an den Seitenwänden mit biblischen Motiven - natürlich in typischer Götze-Manier.

Das ist derweil nicht alles: Bald sind Werke von ihm in Berlin zu sehen, im Dezember wird er auf der Kunstmesse Art Miami vertreten sein. Und natürlich sind auch für nächstes Jahr mehrere große Ausstellungen geplant.

Inwiefern die DDR heute, 25 Jahre nach ihrem Ende, für den erfolgreichen Künstler noch eine Rolle spielt? Mit seinem halleschen Verlag, dem Hasenverlag, sei er an der Dokumentierung der Ereignisse mit beteiligt, sagt Moritz Götze. „Da erlebt man, wie viele Menschen noch einen Bezug dazu haben.“ Doch er weiß auch, dass das nicht ewig so sein wird. Für seinen jüngsten Sohn beispielsweise, 1996 geboren, sei das alles „viel weiter weg“. (mz)