Vom Weggehen, Kommen und Bleiben: Film „Grenzland“

Langsame, intensive Bilder mit Geschichten von Menschen, die im „Grenzland“ leben - der gleichnamige neue Dokumentarfilm von Andreas Voigt ist eine Hommage an die Bewohner hinter den Deichen von Oder und Neiße

Von Silke Nauschütz, dpa
Der Dokumentarfilmer Andreas Voigt sitzt in einem Cafe.
Der Dokumentarfilmer Andreas Voigt sitzt in einem Cafe. Knut Elstermann/Andreas Voigt/dpa/Handout

Cottbus - „Die Zeit deckt alles zu und es wächst Gras drüber. Und bevor du es bemerkst, ist alles verschwunden“, sagt ein Australier in die Kamera. Der Mann mit Cowboyhut steht mit einem Spaten vor freigelegtem Stein. Er gräbt in der Geschichte seines Wohnortes und hat herausgefunden, dass der Komponist Frédéric Chopin mit dem Dorf verbunden war. Dort, wo Polen, Deutschland und Tschechien einander treffen, hat die Familie aus „down under“ ein neues Zuhause gefunden - Es sind Geschichten von Menschen an Oder und Neiße, die Dokumentarfilmer Andreas Voigt festhält. Fast 30 Jahre nach seinem Film „Grenzland - eine Reise“ kehrt der mehrfach ausgezeichnete Regisseur und Chronist noch einmal in die weite, flache Flusslandschaft zurück. Sein Film „Grenzland“ (2020) startet an diesem Donnerstag (8. Juni) in den deutschen Kinos. Offizielle Premiere in Anwesenheit des Regisseurs hat der Film am Freitag im Berliner Kino Babylon (19.30 Uhr).

„Ja, ich war überrascht, dass es auf einmal eine Landschaft ist, in der sich so ein Pioniergeist entwickelt“, erzählt der 67-Jährige der Deutschen Presse-Agentur über seine Rückkehr. Den Australier etwa filmt er, wie der mit seiner Tochter Polnisch übt, seine Frau schwärmt von der Freiheit, die die Familie in Polen genießt.

Interessant ist für den Dokumentarfilmer, wie weit Geschichte „ins Heute“ reicht. So findet eine griechisch-polnische Musikerin in der Landschaft am Fluss ihre Wurzeln. Ihr Großvater war vor dem Bürgerkrieg aus Griechenland in die Gegend geflohen, hatte eine Deutsche geheiratet und blieb. Voigt begleitet sie mit seiner Kamera zum Grabstein. In einem Dorf baut sich ein Syrer, der 2015 vor dem Krieg nach Deutschland flüchtete, ein kleines Haus aus. Er erlebt Wohlwollen, aber auch alltäglichen Rassismus auf beiden Seiten der Oder.

Die Begegnungen handeln vom Weggehen und Wiederkommen, vom Bleiben und der Suche nach einem besseren Leben. Voigt ist ein Meister des Beobachtens. Jede Regung im Gesicht der Erzählenden, jeder Zug von Wehmut oder Bitternis und auch manche Wortlosigkeit fängt er ein. „Es reizt mich immer schon, Geschichten zu erzählen, ohne dass ich da in irgendeiner Form mit meiner eigenen verbalen Erzählung noch erscheinen muss“, sagt Voigt.

Aber wie schafft er es, dass die Menschen sich ihm öffnen? „Neugier ist eine wichtige Voraussetzung und Offenheit, keine vorgefasste Meinung zu haben und das auch nicht auszustrahlen“, sagt der Regisseur. „Und dann muss es eine Spannung geben zwischen den Menschen, die vor der Kamera stehen und mir dahinter.“ Die Protagonisten spielten sich selbst, die müsse man finden. „Ein Schauspieler vor der Spielfimkamera muss wiederholen können (...). Beim Dokumentarfilm aber hat man nur dieses eine Mal.“

„Wissen Sie, was mir fehlt? (...) Etwas, worauf man sich freuen kann“, sagt ein Mann in Hoyerswerda (Sachsen), der gerade dem Abriss eines Wohnblocks in seiner Stadt zusieht. Voigt spricht ihn auf einer Parkbank an und der Arbeitslose breitet für einen Moment sein Leben aus.

Der alte Fischer auf der Oder schaut stumm über das Wasser. Ursprünglich auf der jetzt polnischen Seite geboren lebt er dort seit 1945 nicht mehr. Etwas verschlossen wirkt er, aber Voigt zeichnet mit der Kamera das Bild eines Mannes, der sein ganzes Leben auf dem Fluss zwischen Deutschland und Polen verbracht hat. Der verlegen wird über die Herzlichkeit eines polnischen Schiffers, der sich spontan ins Bild gesellt. Diese Szene bleibt ungeschnitten. Vieles sei bei den Dreharbeiten nicht vorherzusehen, es komme einfach, weiß Voigt.

Der Regisseur war oft in Polen. Als er jung war, studierte er in Krakow, wie er berichtet. Polen sei in den 70er Jahren das pluralistischste Land des Ostblocks gewesen. Liberal, katholisch und gleichzeitig pseudokommunistisch - diese Melange habe ihn geprägt. Nach der Wende 1989 schauten alle nach Westen, er habe nach Osten schauen wollen. „Ich wollte sehen, was da mit Menschen passiert, wie sich Lebensgeschichten oder Schicksale entwickeln“.

Gefunden hat er auch 30 Jahre später Geschichten vom Rand, aber mittlerweile doch aus der Mitte Europas. „Grenzregionen sind immer spannend, die Spannung kommt aus der Geschichte und den Menschen, die dort leben, sagt Voigt. „Die Information bekommt erst dann eine Qualität, wenn sie sich mit einem Gefühl verbindet“.