Burgenlandbahn

Burgenlandbahn: Bammel vor einer Geisterfahrt

QUERFURT/MERSEBURG/MZ. - Beim Abkuppeln in Merseburg hatte der sich von allein in Bewegung gesetzt und war führerlos und ohne Passagiere quer durch den Süden Sachsen-Anhalts 40 Kilometer bis vor Querfurt gerollt (die MZ ...

Von HAJO KRÄMER UND GERT GLOWINSKI

Beim Abkuppeln in Merseburg hatte der sich von allein in Bewegung gesetzt und war führerlos und ohne Passagiere quer durch den Süden Sachsen-Anhalts 40 Kilometer bis vor Querfurt gerollt (die MZ berichtete).

"Da stellt man sich viele Fragen, wie so was möglich ist, warum der Wagen nicht gebremst werden konnte und was alles hätte passieren können", meint Danilo Lämmer. Er wartet am Mittwoch Mittag an der Endstation in Querfurt auf die Bahn zurück nach Langeneichstädt. Auch seine Mutter war "erschrocken", als sie von dem Vorfall hörte: "Ich wollte es erst nicht glauben." Für sie steht dann aber fest: "Bevor wir einsteigen, gucken wir, ob auch einer im Führerstand sitzt", sagt sie und es klingt nicht nur scherzhaft. Alles scheint möglich, wenn Züge schon von allein losfahren.

Die Bahn hatte am Montagmorgen nach Angaben einer Sprecherin noch versucht, den führerlosen Triebwagen auf der Strecke nach Querfurt aufzuhalten. Ohne Erfolg. Im Querfurter Bahnhof seien daraufhin Weichen so gestellt worden, dass der Zug auf einen Prellbock gefahren wäre. Glücklicherweise kam es dazu aber nicht: Der Triebwagen kam vor einer Anhöhe nahe Querfurt von selbst zum Stehen.

"Prellbock?" Taxifahrer Ulrich Kullmann bezweifelt, dass der viel bewirkt hätte. Der 45-Jährige hat gerade einen Kunden von Halle nach Querfurt gefahren und natürlich war die Geisterfahrt Thema. Er habe früher im Waggonbau Ammendorf gearbeitet, erzählt Kullmann. Und da habe er erlebt, wie ein leerer Eisenbahnwagen einfach losgerollt war. "Das war nur eine Strecke von 15 Metern. Aber der Waggon hatte so eine Wucht, dass er nach dem Aufprall eine 1,50 Meter hohe Betonmauer übersprang." Die Ursache für die jetzige Geisterfahrt sieht Kullmann in jedem Fall in menschlichem Versagen: "Egal was war, auch wenn die Technik versagt hat, war es vorher menschliches Versagen bei der Wartung oder beim Hersteller."

In diese Richtung denkt auch René Fiedler. Er baut am Bahnhaltepunkt Nemsdorf-Göhrendorf gerade an einem neuen Gehweg. "Je mehr Elektronik und Technik in die Fahrzeuge eingebaut wird, um so mehr kann passieren. Das hat der Mensch dann nicht mehr in der Hand", kommentiert er die Triebwagen-Geisterfahrt. Fiedler zeigt auf seinen Fuß. Ein Radlader habe ihn zerquetscht, erzählt der 41-Jährige. Trotz voll angezogener Handbremse sei das Baufahrzeug losgerollt, als er gerade für eine Reparatur darunter lag. Fiedler glaubt an einen Fehler der elektronischen Bremsunterstützung als Unfallursache. Fehlerhafte Elektronik könnte auch die Bahn-Geisterfahrt ausgelöst haben, mutmaßt er.

Der defekte Triebwagen steht derzeit in einem Betriebswerk in Leipzig und wird von Ingenieuren des zuständigen Eisenbahnbundesamtes untersucht. Bereits am Dienstag hatte man den Vorfall nachgestellt - wieder setzte sich der Triebwagen bei der Simulation von selbst in Bewegung, nachdem er abgekuppelt worden war. "Ein abschließender Bericht liegt uns noch nicht vor", sagte eine Bahnsprecherin. Erst dann könne über mögliche Konsequenzen für die betroffene Baureihe VT 672 entschieden werden. Unabhängig davon entscheidet auch das Eisenbahnbundesamt nach Abschluss seiner Ermittlungen, ob eine so genannte Allgemeinverfügung erlassen wird. Dort könnten Neuregelungen zur Baureihe getroffen werden.

Dass die Bahn unbedingt handeln muss, findet auch Lutz Walther. "Die Bahn wird von vielen gebraucht, die kein Auto haben. Und da müssen sich die Passagiere auf die Sicherheit der Züge verlassen können", sagt der 63-Jährige aus Nehmsdorf-Göhrendorf. Und Marcel Geheb, der in Langeneichstädt auf die Bahn nach Merseburg wartet, meint: "Ein bisschen Bammel habe ich schon. Man hofft, dass nicht auch mal während der Fahrt die Technik ausfällt. Oder dass die Züge nicht einfach ohne Fahrer mit den Passagieren weiterfahren, wenn die beim Zwischenhalt in Braunsbedra mal kurz aussteigen und einen Plausch machen."