200 Menschen bei Friedensgebet

200 Menschen bei Friedensgebet: Neonazi-Fest in Themar beginnt – Kritik an Gerichten

Themar - Es ist ein Zeichen gegen Fremdenhass und Gewalt: Aus Protest gegen ein zweitägiges Neonazi-Festival haben sich am Freitagabend schätzungsweise 200 Menschen zu einem Friedensgebet in der Kleinstadt Themar in Südthüringen ...

08.06.2018, 19:57
Teilnehmer des Neonazi-Festivals in Themar.
Teilnehmer des Neonazi-Festivals in Themar. dpa

Es ist ein Zeichen gegen Fremdenhass und Gewalt: Aus Protest gegen ein zweitägiges Neonazi-Festival haben sich am Freitagabend schätzungsweise 200 Menschen zu einem Friedensgebet in der Kleinstadt Themar in Südthüringen versammelt.

Man sehe jeden Tag Hass und Hetze gegen Minderheiten in Deutschland und auch in Themar, hieß es während eines Gottesdienstes in der Kirche St. Bartholomäus. „Sagen wir Nein, wenn gegen Menschen gehetzt wird“, sagte die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann.

194 Holzkreuze für Opfer rechter Gewalt

Im Anschluss an den Gottesdienst zogen schätzungsweise 300 Menschen mit 194 Holzkreuzen durch die Innenstadt von Themar. Die Kreuze sollten den Organisatoren zufolge an 193 Opfer durch rechte Gewalt seit 1990 erinnern.

Ein weiteres Kreuz stehe für Martin Luther King, der ebenfalls aus rassistischen Motiven umgebracht worden sei, hieß es vom Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra.

Am Abend waren nach Polizeiangaben rund 450 Rechtsextreme auf dem Veranstaltungsgelände am Rande von Themars eingetroffen. Die Polizei zählte bis zu diesem Zeitpunkt zehn Straftaten, unter anderem das Tragen verfassungswidriger Kennzeichen.

Man gehe davon aus, dass die Mehrzahl der Neonazis am Samstag anreisen werde, sagte ein Sprecher der Thüringer Polizei. Der Thüringer Verfassungsschutz rechnet damit, dass bis zu 1500 Rechtsextreme aus ganz Deutschland und dem EU-Ausland nach Themar kommen werden.

Die Sicherheitskräfte sind mit einem Großaufgebot vor Ort. Mehrere Hundertschaften aus Thüringen sowie mehreren anderen Bundesländern sollen Zwischenfälle während der rechtsextremen Veranstaltung verhindern.

Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) sagte am Freitag, es seien so viele Polizisten vor Ort wie noch nie. Im vergangenen Jahr hatten rund 1000 Beamte für Sicherheit gesorgt.

Kritik an Gerichtentscheiden pro Rechts

Während des Friedensgebets wurde scharfe Kritik an den juristischen Entscheidungen laut, die das Rechtsrock-Festival möglich gemacht hatten. „Manche Gerichtsentscheidung ist mir fremd“, sagte der Superintendent des Kirchenkreises Hildburghausen-Eisfeld, Johannes Haak.

Das Verwaltungsgericht Meiningen und das Thüringer Oberverwaltungsgericht in Weimar hatten das Komplettverbot der Veranstaltung durch den Landkreis Hildburghausen aufgehoben – vor allem mit Verweis auf schwere inhaltliche Mängel des Verbotsbescheides.

Kurz vor der Beginn des Neonazi-Festivals hatte das Verwaltungsgericht Meiningen zudem das absolute Alkoholverbot des Landkreises für die Veranstaltung gekippt; damit ist es den Festival-Besuchern erlaut, ab 20 Uhr Bier zu trinken. Thüringer Landespolitiker reagierten mit Unverständnis auf die Entscheidung.

2017 kamen 6000 Neonazis nach themar

In Themar hatte 2017 das wohl größte Rechtsrock-Konzert bundesweit stattgefunden. Damals waren nach Polizeiangaben etwa 6000 Neonazis in die 2800-Einwohner-Gemeinde gekommen.

Innenminister Maier hatte damals angekündigt, das Land werde die Kommunen im Freistaat deutlich besser beraten, um zu verhindern, dass deren Bescheide immer wieder von Verwaltungsgerichten kassiert werden. (dpa)