Verdacht auf Schwarzarbeit

Illegale Leiharbeit: Bundesweite Razzien wegen Schwarzarbeit auch in Weißenfels

Weißenfels/Halle (Saale) - Mit einer der größten Razzien der vergangenen Jahre ist die Bundespolizei am Mittwoch gegen Schleuser vorgegangen.

Von Max Hunger und Tobias Schlegel 23.09.2020, 17:47
Razzia gegen Schwarzarbeit in Weißenfels dpa-Zentralbild

Mit einer der größten Razzien der vergangenen Jahre ist die Bundespolizei am Mittwoch gegen Schleuser vorgegangen.

Unter Federführung der Staatsanwaltschaft Naumburg (Burgenlandkreis) durchsuchten am frühen Morgen über 800 Beamte insgesamt 72 Wohnungen und Geschäftsräume in Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Berlin und Sachsen.

Verdacht auf Schwarzarbeit: Razzien in Wohn- und Geschäftsräumen

Der Schwerpunkt der Aktion lag laut Bundespolizei in Sachsen-Anhalt: Hier drangen die Beamten in 58 Arbeiterunterkünfte in Weißenfels (Burgenlandkreis) sowie in weitere in Bernburg (Salzlandkreis) ein, nahmen Personalien auf und stellten Dokumente sowie Datenträger sicher. „Es ist ein wichtiger Schlag gegen die Schleuserkriminalität“, so Bundespolizeisprecher Jens Damrau.

Verdächtige sollen falsche Pässe ausgegeben haben

Ermittelt wird nach Angaben der Polizei gegen zehn mutmaßliche Drahtzieher. Die Beschuldigten im Alter von 41 bis 56 Jahren stammen aus der Ukraine, Polen, dem Kosovo und Russland.

Sie sollen Arbeiter aus nicht EU-Ländern mit falschen Pässen und Dokumenten ausgestattet und dann nach Deutschland gebracht haben. Die Verdächtigen seien Teil eines Rings aus Zeitarbeitsfirmen, die im vergangenen halben Jahr 82 Menschen eingeschleust haben sollen.

Schleuser greifen Lohn ab

Die Unternehmen böten die eingeschleusten Arbeiter dann anderen Firmen als legal eingereiste EU-Bürger an, so Polizeisprecher Damrau. Ihr Lohn fließe jedoch an die Schleuser, bei den Arbeitern käme meist nur wenig an. Mindestens 1,5 Millionen Euro „unsauberen Gewinn“ konnten die Beamten durch die Razzia am Mittwoch beschlagnahmen. „Viele Firmen erfahren gar nicht, dass ihre Arbeiter illegal hier sind“, sagte Damrau.

20 mutmaßlich illegal eingereiste Personen entdeckt

In den Wohnungen in Weißenfels und Bernburg trafen die Beamten bis zum Nachmittag 20 mutmaßlich illegal eingereiste Personen an. Sie wurden anschließend nach Halle gebracht. Auf dem Gelände des Zolls richtete die Polizei hier eine sogenannte Bearbeitungsstraße ein, in der Spezialisten unter anderem die Ausweise auf Echtheit prüften. Im Anschluss würden Arbeiter und Beschuldigte der zuständigen Ausländerbehörde übergeben, so die Bundespolizei.

Offenbar auch Subunternehmer von Tönnies betroffen

Die mutmaßlich illegal eingereisten Menschen arbeiteten unter anderem in der Fleischindustrie und dem Bauwesen, sagte Damrau. Auch gegen einen Subunternehmer des Fleischfabrikanten Tönnies habe sich die Razzia gerichtet. Tönnies betreibt in Weißenfels seinen zweitgrößten Schlachthof und beschäftigt dort rund 2.200 Mitarbeiter.

„Wir haben keine Informationen, ob und wenn ja, in welchem Maße Dienstleistungsunternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, von den Durchsuchungen betroffen sind“, sagte Tönniessprecher André Vielstädte auf MZ-Anfrage. Man werde den Behörden bei Bedarf jedoch alle nötigen Informationen zukommen lassen, so Vielstädte weiter.

Höhepunkt monatelanger Ermittlungen

Die groß angelegte Razzia ist der Höhepunkt monatelanger Ermittlungen: Nach Angaben der Bundespolizei stießen Ermittler bereits Anfang des Jahres auf Hinweise auf das Schleusernetz. Nach ersten Überprüfungen habe sich der Anfangsverdacht bestätigt und es sei eine Sonderkommission gebildet worden, teilte die Polizei mit.

Die Behörde zeigte sich besorgt angesichts des kriminellen Rings: „Die illegale Beschäftigung floriert auch in Mitteldeutschland“, sagte Romy Töwe, Chefin der Bundespolizeiinspektion Kriminalitätsbekämpfung in Halle. Damit gehe ein hoher Schaden für die Sozialkassen einher - denn Abgaben etwa an Rentenkassen und Steuerbehörden würde in diesen Fällen oft nicht gezahlt. „Das wird uns weiter befassen“, sagte Töwe. (mz)